Archive for Juni 2018

Time to say goodbye: Marilyn

25. Juni 2018

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Auch in Marilyns Leben hat sich einiges verändert seit dem Beginn der Therapie. John F. wohnt immer noch bei ihr, ist aber dabei, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Ob die beiden in einer Beziehung bleiben, ist im Moment ungewiss. Marilyn weiss selbst nicht, ob sie das will oder nicht – das wird sich wohl dann zeigen, wenn sich die ganze Situation etwas beruhigt hat.

women-3290273_640Insgesamt ist sie sicherer geworden, was ihre eigene Position anbelangt: nicht mehr immer hat alles, was die anderen sagen, auch automatisch für sie Gültigkeit. Sie versteht langsam, dass ihre Abhängigkeit von John F. sie lange daran gehindert hat, eigene Wege zu gehen oder auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Die Geschichte mit dem Zimmer, das sie vor John F. verteidigt hat, hat ihr klar gemacht, wie wichtig es für sie ist, auch in kleinen Dingen zu sich zu stehen.

green-1968590_640Das Überraschende für Viele ist, dass es oft genau die kleinen, beinahe unbedeutenden Dinge sind, die zu Veränderungen führen. Wenn KlientInnen es schaffen, sich in kleinen Dingen für sich selbst einzusetzen (ein anderer Platz am Esstisch, ein unliebsame Verabredung, die man absagt, ein Kleidungsstück, das man sich anzuziehen traut, ein paar Dinge, die man weggibt, …), kann das der Beginn eines Weges sein, der zum Ziel führt. Es sind also meist nicht die großen Veränderungen, die einen Umschwung ausmachen sondern die ganz kleinen, die beinahe zu leicht erscheinen. Aber – wie wir wissen: auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Und besteht aus lauter kleinen Schritten. Oft sind KlientInnen überrascht, wie einfach es ist, wenn sie einmal begonnen haben, diese kleinen Schritte zu setzen.

Auch Marilyn hat viele kleine Schritte gesetzt und deshalb ist sie jetzt dort, wo sie steht. Alles Gute auch dir, Marilyn!

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Time to say goodbye: Maria Theresia

18. Juni 2018

Die 6m hohe Statue am Maria-Theresien-Platz erinnert an die Kaiserin, die in Wien von 1740 bis 1780 regierte, Österreich

Maria Theresia hat in dem vergangenen Jahr hart an sich gearbeitet und ist sehr viel weiter gekommen: sie hat Kontakt mit ihrem inneren Kind aufgenommen, hat es getröstet und versorgt. Das hatte zur Folge, dass sie ihr ständig schlechtes Gewissen in Bezug auf ihre Kinder (wahrscheinlich aufgrund ihrer eigenen kindlichen Sehnsucht nach einem liebevollen Umgang, der auf ihre kindlichen Bedürfnisse Rücksicht nimmt) über weite Strecken aufgeben konnte.

family-1784371_640Daher kann sie jetzt mit ihrer Kindern gelassener und weniger aus der Not heraus umgehen, sondern mehr aus der Freude am Gemeinsamen. Die wenige Zeit, die sich miteinander verbringen, ist von hoher Qualität: jeden Abend sitzt sie am Bett ihrer Kinder und unterhält sich mit ihnen. Endlich hat sie keine Angst mehr, eine schlechte Mutter zu sein und die Kinder zu vernachlässigen.

Auch der Umgang mit ihrem Mann ist besser geworden, sie reden wieder mehr miteinander, gehen spazieren oder tanzen, sie kuscheln und sind zärtlicher. Auch hier: die Zeit, die sie gemeinsam haben, gestalten sie bewusst, und wenn sie einmal Streit haben, schaffen sie es leichter, danach wieder ins Gespräch zu kommen.

In der Arbeit ist sie selbstbewusster, aber hier ist noch einiges zu verbessern: sie lässt sich  nach wie vor recht schnell von ihren männlichen Kollegen verunsichern, wenn diese sehr laut und bestimmt reden. Manche Situationen, die sie an früher erinnern, machen ihr immer noch Angst, aber sie hat immerhin gelernt, ihnen nicht auszuweichen sondern sich mutig zu stellen.team-spirit-2447163_640

Insgesamt ist sie auf einem sehr guten Weg, sie ist freundlicher und liebevoller im Umgang mit sich, ihrer Familie und ihrer Umgebung. Die Therapie wird wohl noch eine Weile dauern, ich schätze einmal so ca. bis zum Ende des Jahres.

Denn eine Therapie muss nie bis zum Ende eines Weges dauern sondern nur so lange, bis sich die Richtung gezeigt hat, in die man in Zukunft gehen will und die ersten Schritte gelungen sind. Ab dann schafft es jedeR alleine. Wenn KlientInnen später wiederkommen, brauchen sie oft nur eine kleine „Auffrischung“ von einer oder zwei Sitzungen, dann geht es wieder ohne Therapie weiter. Es ist für mich immer eine Freude, diesen Richtungswechsel zu beobachten und zusehen zu dürfen, wie Menschen aufblühen und ein befreiteres Leben führen!

In diesem Sinne: alles Gute weiterhin, Maria Theresia!

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Time to say goodbye: Jean-Paul

11. Juni 2018

Francois Perier, Paula Dehelly in " The Jean-Paul

Auch die Therapie von Jean-Paul scheint sich einem (vorläufigen?) Ende zu nähern. Seit er am Land lebt, mit seinem Hund spazieren geht und viel Bewegung macht, ist er wie ausgewechselt: er lebt gerne, er hat Pläne für das Haus, das er gekauft hat und renovieren will, er denkt daran, sich einen alten Traum zu verwirklichen und den Jakobsweg zu gehen, und auch sein Job macht ihn nicht mehr so müde.

ruin-540830_640Die Trennung von Simone war für ihn nicht leicht: er hatte auch seine Zweifel, ob er nicht leichtfertig eine „gute Beziehung“ aufgibt.  Aber es war auch eine Befreiung, nicht immer „mehr vom selben“ machen zu müssen sondern tatsächlich neue Wege zu gehen (statt wie früher immer nur einen weiteren esoterischen Kurs zu machen und sich dabei vorzunehmen, ab jetzt ganz anders zu sein!) Sein Autounfall hat ihm die Kraft gegeben, diese Dinge in die Wege zu leiten und die ersten Schritte zu tun.

Das ist für mich ein Beispiel dafür, wie alles – Angenehmes wie Unangenehmes, Erfreuliches wie Bedrohliches – einen Sinn haben kann, der sich oft erst später zeigt. Jede Krise ist in der Zeit, in der sie da ist, nicht mehr als genau das: eine Krise, und wer auch immer in einer schwierigen Zeit davon anfängt, dass das eine Chance ist, hat gar nichts verstanden. Aber später, wenn sich die Dinge wieder beruhigt haben, kann man mit allen Situationen etwas Sinnvolles anfangen, ist alles eine Chance, sich zu fragen, ob man tatsächlich so leben will wie man es tut oder ob es nicht Zeit ist, etwas zu verändern.

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Jean-Paul hat diese Chance wahrgenommen und es geht ihm so gut wie wir uns beide das zu Beginn unserer Arbeit niemals hätten träumen lassen. Er muss noch einen weiten Weg gehen, aber mit dem Schwung, den er im Moment hat, schaut alles machbar aus. Wenn unsere Seele den Weg gefunden hat, den sich gesucht hat, fühlen wir uns befreit und glücklich – und mehr brauchen wir ja gar nicht.

Alles Gute, Jean-Paul!

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Time to say Goodbye: Frank S.

4. Juni 2018

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Nachdem wir unsere KlientInnen nun beinahe ein Jahr begleitet haben, wird es Zeit, sich wieder von ihnen zu verabschieden. Wir beginnen mit Frank.

In seinem Leben hat sich äußerlich nicht viel getan: er hat immer noch denselben Job, ist gerade wieder auf der Suche nach einer Freundin – „diesmal aber richtig“ – und auch seine allgemeine Unzufriedenheit ist geblieben. 

Dennoch war das Jahr wichtig für ihn: er hat sich viel mit seiner inneren Haltung dem Leben gegenüber beschäftigt, er ist auf dem Weg zu einem besseren Umgang mit seinen Eltern, hat gelegentlich Kontakt mit seinem Sohn. Er hat sich mit seiner Arbeit und seinem Chef versöhnt, es sieht so aus, als ob sich da langsam etwas verbessern würde.

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Ich denke, dass er die Arbeit mit mir bald beenden wird. Das ist nicht ganz leicht für mich, weil ich noch so viel Entwicklungsmöglichkeiten für ihn sehen würde, aber nicht immer sind Menschen bereit, alle möglichen Schritte auf einmal, oder bei einer Therapeutin zu tun. Hier ist mein Job auch, ihn gehen zu lassen, in seiner Unzufriedenheit, die sich auch auf die Therapie bezieht: „Hat mir die Therapie überhaupt geholfen?“

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Therapie, sage ich gerne, ist wie das Erlernen eines Musikinstrumentes oder einer Sprache: es geht nicht um die Frage, wie oft man in den Unterricht geht – davon wird man das Instrument, die Sprache nicht lernen. Es geht darum, ob man zuhause übt, nur so wird es eine Entwicklung geben.

Therapie ist somit nicht, was in der Sitzung geschieht sondern was die Menschen zwischendurch damit machen.

Das schränkt meine Möglichkeiten ein: ich muss als Therapeutin die „Übungsstücke“ aussuchen – aber üben müssen die KlientInnen selbst, das kann ich nicht für sie tun.

(Dass ich dabei meinen Anteil auch immer gut im Blick haben muss und ständig auf der Suche nach weiteren und besseren Angeboten für meine KlientInnen bin, ist dabei auch selbstverständlich und Thema von Supervisionen und Fortbildungen.)

So lasse ich Frank S. gehen und erlaube ihm, auch mit der Therapie unzufrieden zu sein. Er wird vielleicht eines Tages bereit sein, sich seinen inneren Widerständen zu stellen und sich mit dem Leben anzufreunden. Ich hoffe es für ihn und wünsche ihm alles Gute.

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