Archive for November 2018

Beziehungs-ABC: H wie Hochzeiten und Alltagstrott

26. November 2018

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Hoch-Zeiten und Alltagstrott

Es gibt Zeiten in der Beziehung, da ist alles wunderschön, da funkeln die Sterne besonders hell, da ist mir der/die Liebste besonders nah, da knistert die Beziehung, wenn wir einander anschauen, da feiern wir miteinander: da ist alles ein Fest.

amp-shipping-3636421_640Zu anderen Zeiten ist es ruhiger zwischen uns. Nicht gleich unbedingt schwer oder mühsam, nur einfach nicht so unglaublichsuperwahnsinnig toll. Da plätschert es ein wenig dahin, da passiert nicht viel Neues und Aufregendes: es ist der Alltag.

Manchmal bedauern wir, dass es nicht immer so spritzig und aufregend ist, aber das gehört dazu. Ich mag das Prinzip des Zusammen-Lebens: wir sing gemeinsam im gleichen Raum oder in der Wohnung, aber wir machen nichts gemeinsam, sondern gehen unseren eigenen Beschäftigungen nach. Von Zeit zu Zeit treffen wir einander, schenken einander hoffentlich einen freundlichen Blick oder ein liebes Wort, und dann gehen wir wieder unserer Wege. Das schafft auf die Dauer Vertrauen, gutes Miteinander und schöne Gewohnheiten. Eine sanfte Berührung hier und dort, ein kleiner Kuss, ein kleines Lob im Vorbeigehen, eine freundliche Überraschung zwischendurch – davon lebt der Liebesalltag.

tide-841098_640Es braucht diese ruhigen Zeiten, denn sie sind die Basis unseres Lebens. Nur wer Alltag hat, kann auch Feste feiern. Nur wer ruhige Gemeinschaft kennt, weiß um den Zauber der Hoch-Zeit. So wie der Mond in seinem Kreisen um die Erde das Wasser hin und her zieht, dabei Ebbe und Flut auslöst, so gehören Hoch-Zeiten wie Alltagstrott zu unserem Leben. Wäre alles ein Fest – wie anstrengend wäre das! Wir kämen aus dem Feiern nicht heraus (und gerade in der auf uns zukommenden Vorweihnachtszeit erfahren das viele Menschen!), wir sind mit der Zeit einfach gesättigt vom vielen Feiern, Lachen und Reden. Wir benötigen auch die Zeiten der Stille, auch in der der Beziehung: damit wieder Ruhe und Alltag einkehren kann, damit wir wieder unseren vielen kleinen Arbeiten nachgehen können, und damit wir uns darüber freuen, diesen Alltag nicht alleine durchgehen zu müssen. Denn das nächste Fest kommt bestimmt!

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Beziehungs-ABC: G wie Gewohnheiten – Segen oder Fluch?

19. November 2018

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Gewohnheiten – Segen oder Fluch?

Gewohnheiten sind ein Fluch: „Wir leben nur noch nebeneinander her.“

dog-1639528_640Gewohnheit ist etwas, was nach der ersten, hochemotionalen Phase, eintritt. Die erste Verliebtheit ist verschwunden und der Alltag ist eingetreten. Das ist mitunter schwer auszuhalten: es wird langweilig. Man hat schon alles gemacht, was lustig ist, man weiß schon alles aus der Vergangenheit des anderen, man hat alle Grenzen abgesteckt, alle Streitpunkte abgearbeitet. Was nun?

Eine Lösung dafür kann sein, dass wir uns etwas „Drittes“ suchen, auf das wir nun beide schauen. Im klassischen Fall sind das Kinder, es können aber auch gemeinsame Freundschaften, Engagements oder Hobbys sein. Auf diese Weise kann das gemeinsame Leben wieder spannender werden, weil von außen Eindrücke kommen, über die man sich wieder unterhalten kann.

Die andere Lösung ist, sich wieder mehr voneinander zu entfernen: jede findet ihren eigenen Kreis, weil es ja nicht möglich ist, einander „alles“ zu sein. Das ist schon wahr, jeder Mensch braucht seinen Freiraum, und den müssen wir einander auch zugestehen. Aber damit geht manchmal auch eine Enttäuschung einher, weil unsere Wünsche anders waren: mehr Gemeinsamkeit, mehr Intimität.

Gewohnheiten können aber auch ein Segen sein: Vertrautes schafft Verbundenheit.

grandparents-3436463_640Es gibt aber auch eine gute Seite der Gewohnheit: sie kann ein großes Vertrauen bewirken, das längerfristig dazu führt, dass man „im Alter gemeinsam auf der Hausbank sitzt“. Wenn wir gut aneinander gewöhnt sind, wir einander nichts mehr beweisen müssen und nicht mehr in Machtkämpfe verstrickt sind, dann können wir miteinander zur Ruhe kommen. Aneinander gewöhnt zu sein schafft Vertrauen, Gemeinsamkeit und Verbundenheit.

Gewohnheiten sind beides: Segen und Fluch.

Die Kunst besteht also darin, einander nicht für selbstverständlich zu nehmen,  nicht „eh schon alles voneinander zu wissen“, sondern sich immer wieder neu von der PartnerIn überraschen zu lassen. Und dabei gleichzeitig gemeinsam zur Ruhe zu kommen, sich aufeinander verlassen zu können. Man könnte sagen, wir streben eine „bewegte Ruhe“, eine „vertraute Fremdheit“ oder eine „neugierige Gewohnheit“ an, wenn wir sowohl den Segen als auch den Fluch der Gewohnheit nutzen wollen.

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Beziehungs-ABC: F wie Fraulich

12. November 2018

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F wie Fraulich.

Ich bin eine Frau. Stimmt. Aber woher weiß ich das eigentlich?

Weiß ich es, weil ich meinen Körper mit den von anderen Menschen verglichen habe und bemerkt: ich habe Brüste und eine Vagina, ich kann Kinder gebären und stillen? Also: weiß ich, dass ich eine Frau bin, weil ich einen Frauenkörper habe? – Was ist dann mit all den Menschen, die sich im falschen Körper befinden oder deren Körper nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuteilen sind? Sind das dann keine „richtigen“ Frauen?

housewife-23868_640Oder weiß ich es, weil mir von klein auf gesagt wurde, dass ich ein Mädchen bin, später eine Frau? Also dadurch, dass ich von außen diese Rückmeldung bekommen habe, und dass ich als Kind Puppen bekommen habe und – anders als meine Brüder – im Haushalt mitarbeiten sollte? Also: weiß ich, dass ich eine Frau bin, weil es mir die Umgebung gesagt und mich als solche erzogen hat? – Was ist dann mit all den Frauen, die sich an diese Rollenstandards nicht halten wollen? Sind das dann keine „richtigen“ Frauen?yin-2730344_640

Weiß ich es vielleicht, weil ich mich (meistens) von Männern angezogen fühle, weil ich mit Männern verheiratet bin/war oder von Männern begehrt und als Partnerin gewählt wurde? Also: weiß ich es aufgrund meiner sexuellen Orientierung? – Was ist dann mit all den Frauen, die sich da nicht eindeutig zuordnen wollen, die auf Frauen stehen oder die vorziehen, gar nicht in Partnerschaften zu leben? Sind das dann keine „richtigen“ Frauen?

Oder weiß ich es, weil ich mich als emotional sorgend, emphatisch und fürsorglich empfinde? Weil ich vielleicht Multitasking kann oder ich alles Niedliche und Kleine mütterlich umsorgen will? Also: weiß ich, dass ich eine Frau bin, weil ich emotionale Intelligenz habe? – Was ist dann mit all den Frauen, die andere emotionales Rüstzeug bekommen haben? Sind das dann keine „richtigen“ Frauen?

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Wieso wissen Sie, dass Sie (oder Ihre Partnerin) eine Frau ist? Woran machen Sie es fest? Ich lade Sie ein, darüber nachzudenken, denn es ist keinesfalls so einfach, wie man normal denkt. Sobald man sich darüber Gedanken darüber macht, werden alle Zuschreibenden willkürlich und fließend.

Beziehungs-ABC: E wie Erotik und Sexualität

5. November 2018

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E wie Erotik und Sexualität

Kaum ein anderes Thema geht uns so nahe wie dieses, kaum eines ist mit Beziehung enger verbunden, kaum eines wird so kontrovers diskutiert: Erotik und Sex sind Dauerbrenner.

Wie können wir uns dem Thema so nähern, dass nicht Altbekanntes zum x-ten Mal wiederholt wird, keine Klischees bestärkt, keine Verletzungen wiederholt, keine Methode verteufelt, kein Ideal beschworen und keine  Phrasen gedroschen werden?

arrow-2085195_640Dazu möchte ich an den Beitrag von letzter Woche anknüpfen: du bist anders. Du bist der/die ganz Andere, und das gilt auch im Bereich der Sexualität. Aber anders zu sein kann uns über uns selbst verunsichern („bin ich richtig so, wo ich doch anders bin als du?“). Ebenso kann uns das Anderssein des/der Anderen unsicher machen  („bist du richtig so, wo du doch so anders bis als ich?“).

lover-1822498_640Diese Unsicherheit verursacht eine Spannung, die gerade in einem Punkt, der uns so nahe geht wie Sexualität, leicht zerstörerisch werden kann. Die Spannung kann dann gegen den/die Andere als Vorwurf verwendet werden: bei unterschiedlich häufigem Auftreten von Lust („immer / nie willst du Sex!“), oder bei unterschiedlichem Tempo beim Sex („du kommst zu früh / zu spät!“), bei unterschiedlichen Vorlieben („du bist zu bieder / pervers!“) oder bei unterschiedlichen Praktiken („immer / nie willst du ….!“). Dann fühlen wir uns verletzt, unverstanden, beschämt. Und gerade die Scham macht es uns schwer, im Gespräch zu bleiben.

boy-2462944_640Die Lösung besteht darin, anzuerkennen, dass alle das volle Recht haben, genau die Art von Sex zu wollen, die sie mögen. Denn das ganze Leben, alle Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich genau so bin, wie ich bin, dass mich das erregt, was mich erregt, dass ich dann Sex mag, wann ich mag und dass ich diese Art von Erotik ansprechend finde und eine andere weniger. Es ist völlig legal, genau so zu sein wie ich bin.

Wichtig ist nur, das auch der/dem Anderen zuzugestehen. Wenn wir es aber schaffen, einander liebevoll zuzugestehen: „Ich bin okay, du bist okay!“, dann kommen wir aus der Schleife der Vorwürfe und Rechtfertigungen heraus und können voll Staunen die Welt des/der Anderen entdecken (die aber niemals die unsere sein wird oder sein muss oder soll!).

Dann kann genau diese Ebene eine besonders innige werden, sodass es uns möglich ist, nicht bloß „Sex zu haben“ sondern wirklich „Liebe zu machen“. 

Kuss.Rodin

(Der Kuss. nach Auguste Rodin)