Archive for the ‘Allgemeines’ Category

Maria Theresia und Franz-Stefan

16. Oktober 2017

Die Einschulung von Marie-Antoinette ist gut gegangen, alle haben sich an den neuen Alltag gewöhnt. Maria Theresia liest weiter jeden Abend eine Geschichte für ihre Kinder, die das immer noch genießen. Ihre Ängste sind kleiner geworden, dass die Kinder sie allzu schnell verlassen können.

Womit möchten Sie sich heute beschäftigen? Wobei kann ich Ihnen helfen?

divorce-2437969_1280Es geht mir um die Beziehung zu Franz-Stefan. Die ist in der letzten Zeit etwas kühler geworden. Er spricht kaum mit mir. Wenn ich heimkomme, sind erst die Kinder auf dem Programm. Das war schon immer so, und das ist auch in Ordnung. Aber wenn dann Ruhe ist, haben wir früher geredet, gemeinsam aufgeräumt oder ferngesehen. Und jetzt: jeder macht seines, und irgendwann gehen wir ins Bett. Nicht einmal das zur selben Zeit manchmal.

Und das ist für Sie …?

Traurig, weil ich mich so alleine gelassen fühle. Als ob er sich darüber ärgern würde, dass ich zur Abteilungsleiterin aufgestiegen bin. Da muss ich natürlich mehr arbeiten, aber das mache ich ja nicht zum Vergnügen.

Sondern? Wofür machen Sie das denn?

Na, für uns doch. Damit wir genug Geld haben, damit wir uns etwas leisten können: einen schönen Urlaub, eine gute Ausbildung für die Kinder. Ich arbeite viel, weil wir unseren Kindern gerne etwas bieten möchten. Und uns auch gelegentlich etwas: ein Essen in einem guten Restaurant, ein bisschen Luxus dann und wann.

Und nicht auch, weil es Ihnen Freude macht? Weil es Ihren Fähigkeiten entspricht?

Working MumJa, natürlich, das auch. Aber darüber haben wir gesprochen, und es ist für uns beide okay. Jedenfalls war es das. Wenn ich mir jetzt anschaue, wie er reagiert, dann frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Wenn ich dann nachdenke, zweifle ich daran, dass er überhaupt irgendwann die Wahrheit sagt.

Also, langsam bitte. Zuerst einmal: wissen Sie genau, dass es eine Strafe ist? Oder nehmen Sie das an?

Na, seit ein paar Monaten ist er so, ungefähr seit ich die Beförderung erhalten habe. Ja, das geht sich ziemlich gut aus.

Aber sicher wissen Sie es nicht? Haben Sie darüber gesprochen? Und wenn ja, was ist denn seine Ansicht?

Direkt gesprochen haben wir nicht, aber das ist ja offensichtlich, oder? (Denkt nach.) Na gut, ich kann ihn ja fragen. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes.

Ich glaube auch dass es gut wäre, das Sie einmal herauszufinden. Nebenbei bemerkt: Ich finde es okay, wenn man Freude hat an der Arbeit, und man braucht das nicht zu verstecken und so tun, als ob man das nur für die Familie macht. Und dann: wie wäre es, wenn Sie gemeinsam wieder nach Ritualen suchen, um den Kontakt zu pflegen? Sie hatten doch schon einmal etwas, oder?

Ja, das hatten sie: es gab wöchentliche Beziehungsgespräche, die beiden sehr gut getan haben. Franz-Stefan, weil er sich dadurch besser gehört gefühlt und Maria Theresia, weil sie sich in gutem Kontakt mit ihrem Mann befunden hat. Sie beschließen, das wieder aufleben zu lassen.

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Manche mögen´s … wertvoll.

9. Oktober 2017

to-reach-2697951_1280Es gibt eine Neuerung in Marilyns Leben: Sie hat in Aussicht, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Nicht als Schauspielerin, das wäre zwar ihr Traum, aber dazu gibt es zu wenig Jobs in diesem Bereich. Sie wird im Verkauf arbeiten, was ihr auch Freude macht. Sie freut sich auf den Kontakt mit den KundInnen, aber wovor sie sich heute sorgt, ist der erste Arbeitstag:

„Ich fürchte mich vor dem Anfangen. Da wird man immer kritisch angeschaut, abgecheckt, und leicht verurteilt. Ich mag das gar nicht. Ich wünschte, ich wäre da cooler. Wenn ich mehr Selbstvertrauen hätte, wäre das viel leichter.“

„Da haben Sie Recht. Was glauben Sie denn, warum Sie so wenig Selbstvertrauen haben?“

prom-1450373_1280„Weil mir immer alle gesagt haben, dass ich zwar schön bin, aber sonst nicht viel kann. Meine Mutter hat oft gesagt: „Aus dir wird nie etwas, du kannst ja nichts“. Und in der Schule war ich auch nie gut. Jetzt bin ich Schauspielerin – das nimmt auch keiner als echten Beruf ernst.“

„Stimmt, das alles macht es schwierig, der Start ist nicht unwichtig. Aber Selbstvertrauen können wir uns nur selbst geben. Sonst würde es ja auch nicht so heißen, oder? Viele Menschen graben sich immer wieder ihr eigenes Selbstwertgefühl ab, indem sie sich und ihre Handlungen nicht wichtig genug nehmen, indem sie sich ständig mit anderen vergleichen – das alles tut niemandem gut.“

„Ja: Selbstliebe! Das habe ich schon gehört, aber das funktioniert bei mir nicht. Ich finde mich einfach nicht besonders gut. Und ich mag nicht so sein, wie ich bin. So unsicher, so ungeduldig, so leicht den Tränen nahe. Ich habe so viele Baustellen in meinem Leben – das kann doch nicht in Ordnung sein.“

„Glauben Sie denn, es gibt Menschen ohne Fehler oder Baustellen?“

„Naja, die anderen schauen schon alle besser aus. Alle schaffen die meisten Dinge in ihren Leben einfach so, ohne sich sehr anstrengen zu müssen. Aber bei mir ist immer alles kompliziert, ständig geht irgendetwas schief. Die Anderen haben ja auch gut funktionierende Beziehungen, die sie einfach gut machen. Bei mir ist das nie so. Ich kann mein Leben zusammenfassen mit: „Nun, das lief nicht wie geplant.“alone-2666433_1280

Wir sprechen ein wenig darüber, wie es gelingen kann, sich selbst mehr zu schätzen und sich weniger zu vergleichen: jeder Mensch hat seine Prioritäten an anderen Stellen, ich zB. könnte mich nur mit einer Frau vergleichen, die genau gleich alt ist wie ich, dieselben Erlebnisse gehabt, die gleichen Filme gesehen und Bücher gelesen hat. Deren Erfahrung sich haargenau mit der meinen deckt – nur die wäre ernsthaft in der Lage, mit mir verglichen zu werden. Da es aber niemanden gibt, die all die Jahre „in meinen Schuhen gegangen“ ist, kann ich mich nur mit mir selbst vergleichen. Und selbst das ist nicht fair: denn ich bin heute eine Andere als gestern.

Ich weiß nicht, wie man sich altersgemäß benimmt

– ich war noch nie in meinem Alter.

 

 

Jean-Paul S: Alles Sein ist Nichts.

2. Oktober 2017

insomnia-1547964_1280Jean-Pauls Woche war nicht so gut, der Herbst ist nicht seine beste Zeit und das schlechte Wetter der letzten Wochen hat sein Übriges getan. Er ist immer müde, seine Schlafstörung ist stärker geworden, und so ist er ständig erschöpft. Das macht sein Leben, das er sowieso schon als langweilig und bedeutungslos empfindet, noch schwerer.

„Ich liege stundenlang wach und höre Simones Schnarchen zu. Ich zähle die Nächte, in denen ich vom Hinlegen bis zum Aufstehen schlafen kann. Ich nehme Schlaftabletten, ohne die geht es gar nicht, und trotzdem ist es so schlecht.“

„Woran denken Sie, wenn Sie so da liegen?“

„Was wohl? Meine Gedanken gehen im Kreis, das reinste Kopfkino. Was ich an meinem Leben ändern soll, damit es besser wird. Was ich alles falsch gemacht habe. Was ich tun kann, damit ich weniger Fehler mache in der Arbeit. Was ich mit Simone tun soll, ob ich ihre Kälte verdiene oder ob ich mich von ihr trennen soll.  Letztens habe ich mir überlegt, ob ich nicht einmal nach Indien fahren soll, um Meditation zu lernen. Vielleicht geht es mir dann besser?

„Klingt nach schlimmen Nächten. Und sehr, sehr langen.“

„Das können Sie laut sagen. Ich würde am liebsten aufstehen und mich ablenken, aber ich erinnere mich immer wieder daran, dass Sie gesagt haben, der Körper erholt sich auch ohne Schlaf, wenn man nur ruhig im Dunkeln liegt. Daran halte ich mich, und es stimmt: dann bin ich tagsüber halbwegs fit für den Beruf.“

„Was sagt Ihre Psychiaterin dazu, dass es Ihnen schlechter geht?“burnout-384080_1280

„Die kennt das schon von den Vorjahren. Ich habe sie gar nicht angerufen. Was soll sie schon tun? Ich nehme meine Medikamente, die sie mir verschrieben hat. Das nächste Mal soll ich in etwa zwei Wochen zu ihr kommen, dann kann ich ihr das auch noch sagen. Das ist früh genug.“

„Müssen wir uns um Sie Sorgen machen, Jean-Paul? Was ist mit Ihren Suizidgedanken in diesen langen Nächten?“

Er zögert eine Weile. „Nein, ich glaube nicht. Es ist noch nicht so schlimm wie letztes Weihnachten, wo ich dann ins Krankenhaus gekommen bin. Ich habe es noch unter Kontrolle. Ans Sterben denke ich schon immer wieder, aber eher distanziert. Mehr philosophisch. Ich bin zwar diese ewige Mühe leid, aber ich werde mich wohl weiter durchquälen.“

„Was ist Ihr Notfallplan? Haben Sie noch den vom letzten Jahr, und ist der noch aktuell?“

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„Ja. Wenn es gefährlich wird, rufe ich die Ärztin an oder gehe in die Ambulanz. Simone weiß auch, dass sie mich hinbringen soll, wenn ich nicht mehr aufstehen kann. Sie fragt mich auch täglich, wann ich in der Früh aufgestanden bin, weil sie das Haus viel früher verlässt als ich. Und wenn ich dann länger im Bett geblieben bin, weil ich in der Nacht nicht geschlafen habe, wird sie ärgerlich und schimpft mit mir. Sicher macht sie sich nur Sorgen, aber ich finde das nervig.“

„Was wäre denn gut?“

„Wenn sie weniger oft fragen würde. Ich kann nicht früher aufstehen, und im Büro ist das kein Thema. Solange ich meine Buchungen mache, ist es egal, um welche Uhrzeit ich das tue. Aber Simone hätte halt gerne, dass wir gemeinsam essen, und das geht sich dann nicht aus. Aber immer wieder schaffe ich es, und dann passt es wieder. Im Moment habe ich nicht die Kraft, mit Simone zu reden, aber das passt schon. Besser als anders: wenn sich niemand um mich kümmern würde, wäre es noch schlechter.“

Schlussbemerkung: Ich mache mir etwas Sorgen um Jean-Paul, aber er verspricht, sich auch bei mir zu melden, wenn es ihm deutlich schlechter gehen sollte. Wir vereinbaren einen Termin in der nächsten Woche, damit der Zeitabstand nicht zu lang wird. Jean-Paul hatte im letzten Jahr eine schlimme Krise, in der er nach einigem Zögern ins Krankenhaus gegangen ist. Dort hat er sich in ca 10 Tagen gut erholen und bessern können. Ich hoffe sehr, dass es dieses Jahr ohne Krise gehen wird.

Frank: I want it my way.

25. September 2017

rage-1541317_1280Als Frank am Donnerstag in die Sitzung kommt, ist er sehr verärgert: gerade hatte er am Telefon Streit mit seiner Freundin, die ihm kurzfristig mitgeteilt hat, dass sie am kommenden Wochenende nicht zu ihm kommen wird. Sie möchte mit ihrer Schwester, die selten Zeit hat, wandern gehen – das Wetter in Salzburg soll gut werden und die Berge locken die beiden.

„Sie hätte mir das bitte etwas früher sagen können: ich habe fix damit gerechnet, dass sie morgen Abend kommt. Ich hab sogar schon eingekauft und eine Veranstaltung herausgesucht, die ich gerne mit ihr besucht hätte. Das kann ich jetzt alles schmeißen. Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre es leichter gewesen. Aber so – das tut man einfach nicht, oder?“

„Ist das nicht vom Wetter abhängig? Das muss man doch auf jeden Fall kurzfristig entscheiden.“

im-right-1458410_640„Ja, eh, aber ich habe mich auf sie gefreut, und jetzt muss ich umplanen. Sie hätte ja schon früher sagen können, dass sie das vorhat. Aber das hat sie nicht gemacht. Stellt mich einfach vor vollendete Tatsachen. Das mag ich nicht. Wenn man einmal in meinem Alter ist, fällt einem das nicht mehr so leicht.“

„War das früher also einfacher? Haben Sie sich damals leichter auf Änderungen einstellen können?“

„Naja, im Grunde genommen nicht. Ich mag es, wenn Menschen sich an das halten, was sie ausgemacht haben. Ich steh auch zu meinem Wort. Versprochen ist versprochen, wie das so schön heißt, oder? Und wenn man dann einfach weggeschoben wird, weil irgend etwas Anderes daher kommt, dann fühlt man sich doch auch nicht gut. Das muss doch jeder verstehen. Auch Barbara. Sie kann doch genauso gut mit ihrer Schwester unter der Woche wandern gehen.“

„Hat sie da frei?“

„Sie kann sich ja frei nehmen, wenn es ihr so wichtig ist.“

Es ist eine Weile still, dann frage ich:

„Wie werden Sie jetzt diesen Streit beenden? Was haben Sie gemeinsam für Methoden entwickelt?“

„Sie wird es einfach machen, das weiß ich. Ich habe keine Chance, dass sie ihre Pläne für mich verändert. Und wir werden halt nicht mehr darüber reden. Das findet sich dann schon wieder.“

„Ist das gut?“costume-1557416_1280

„Nein, aber das einzige, was sinnvoll ist. Vorbei ist vorbei, ich sag immer: Schwamm drüber und ab in die nächste Runde.“


Für den Moment scheint mehr nicht möglich zu sein, aber Frank ist nachdenklich geworden. Wir besprechen noch, wie er sein Wochenende verbringen wird und wann und in welcher Weise er wieder den Kontakt zu Barbara herstellen wird. Er weiß, dass seine aufbrausende Art sie verschreckt hat und will ihr daher vorerst nur SMS schicken. Am Ende der Stunde ist er immerhin ruhiger und kann sich vorstellen, das Wochenende auch ohne seine Freundin angenehm verbringen zu können.

Marilyn: Manche mögen´s nicht einsam.

18. September 2017

woman-466130_1280Marilyn kommt in die Sitzung, es ist die vierte, die Stunde beginnt daher etwas schleppend – auch Therapie zu machen will gelernt sein.  Aber nach einigen Minuten finden wir ein Thema, über das sie sprechen möchte: die Beziehung mit John F.K. Ich lade sie ein, einfach einmal damit anzufangen, was der aktuelle Stand ist.

„Am Freitag habe ich John F.K wieder einmal getroffen, das erste Mal seit einigen Wochen. Er war sehr hungrig auf mich, der Sex war daher echt großartig. Aber dann wollte ich noch mit ihm zusammen etwas trinken – dafür war dann wieder keine Zeit. Er wollte bald wieder weg, und so war es dann auch.“

„Wie war das für Sie?“


„Naja, es war irgendwie „business as usual“. Er ist dann immer sehr schnell wieder weg. Ich verstehe das ja auch, er hat viel zu tun, sein Beruf ist sehr stressig. Er hat unheimlich viel zu tun. Nächste Woche ist er schon wieder ein paar Tage irgendwo im Mittleren Osten, einen Vertrag abschließen.“

„Ja, aber wie war das für Sie?mural-1331783_1280

„Ich bin es gewöhnt. Und dann muss er ja auch gut aufpassen, dass Jackie, seine Frau, nichts mitbekommt. Die ist sehr eifersüchtig. Schrecklich. Alles kontrolliert sie. Ich würde nie einen Mann so sehr in die Zange nehmen wie sie.“

„Marilyn, ich frage gerne noch einmal: wie ist es Ihnen damit gegangen?


(Sie wird nachdenklich, schaut eine Weile in ihren Schoß und seufzt dann.) „Ich habe mich leer gefühlt, wie so oft. Ich habe ihm dann etwa 10 Nachrichten geschickt, die ersten drei hat er noch gelesen und geantwortet, dass er in einer Besprechung ist. Die restlichen hat er nicht mehr einmal mehr angeschaut. Ich bin die ganze Nacht wach gelegen und habe gehofft, er liest sie doch und antwortet, aber das hat er dann erst am Montag gemacht. Am Montag – drei Tage später! Aber ich weiß schon: oberste Regel: das Wochenende gehört der Familie. So ist das, wenn man die Nebenfrau ist.“

„Klingt bitter.“

„Ist es auch. Gerade am Wochenende bin ich dann oft einsam. Unter der Woche telefonieren wir manchmal, schreiben uns, aber Samstag, Sonntag – Funkstille. Ich hab zum Glück an beiden Tagen gearbeitet, da war ich wenigstens abgelenkt. Aber die Abende sind manchmal echt lang. Ich bin dann mit einer Freundin fort gegangen, aber die ist gerade frisch verliebt und erzählt mir ständig, wie gut es ihr geht, wie toll und superlieb ihr neuer Lover ist – das halte ich nicht so gut aus.“

„Ich bin froh, dass es Ihnen gelungen ist, die Frage nach sich selbst doch zu beantworten. Das scheint Ihnen schwer zu fallen: ich musste drei Mal nachfragen, bis sie über sich selbst gesprochen haben. Die erste Antwort war über John F.K, dann über Jackie, und erst beim dritten Mal habe Sie über Sie selbst gesprochen. Ist Ihnen das aufgefallen?“

Vorragn„Nein, aber Sie haben Recht: ich komme immer am Schluss in dieser Geschichte. Immer kommen erst die beiden und ihre ach so tolle Ehe, die auf keinen Fall scheitern darf wegen der Kinder. Und dann, wenn noch Zeit ist, kommt er zu mir.“

„Ja, sicher, das ist schwer, wenn man die „Affäre“ ist. Aber jetzt gerade war es nicht er, der Sie nicht beachtet hat, sondern Sie selbst. Kennen Sie das sonst auch in Ihrem Leben, dass Sie sich nicht wichtig genug nehmen, dass Sie sich sogar manchmal selbst vergessen?“

Marilyn nickt und wir reden eine Weile darüber, wie es ihr besser gelingen kann, sich selbst mit ihren Gefühlen wahr zu nehmen. Wir überlegen, wie sie sich immer wieder daran erinnern kann und sie nimmt sich vor, sich in der nächsten Zeit irgendwie zu belohnen, wenn es ihr gelingt, ihre eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Dann vereinbaren  wir einen neuen Termin und verabschieden uns von einander.

In der nächsten Folge „Manche mögen´s heiß“  in ein paar Wochen werden wir erfahren,   wie gut es Marilyn gelungen ist, sich wichtiger zu nehmen und welches Belohnungssystem sie sich ausgedacht hat. Halten wir ihr die Daumen, dass sie es immer wieder schafft!

 

Maria-Theresia: Mein „Baby“ kommt in die Schule!

11. September 2017

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Maria-Theresia hat zwei Kinder: Josef ist 9, Marie-Antoinette ist 6 Jahre alt. Josef kommt in die 4. Klasse, Marie-Antoinette wird heute eingeschult. Diese Einschulung, und damit der Abschied vom Kleinkindesalter hat Maria Theresia in den letzten Wochen sehr zu schaffen gemacht: ihre Kinder werden groß!

Auf der anderen Seite freut sie sich darüber, dass die beiden im Hort gut aufgehoben sind – das macht der ganzen Familie das Leben etwas leichter, weil es weniger Aufwand bedeutet. Franz-Stefan ist es, der die beiden meist abholt, da Maria-Theresia um diese Zeit noch in der Arbeit ist. Er kauft dann ein und versorgt die Kinder, zum Essen kommt Maria-Theresia aber meistens heim. Diese gemeinsamen Abendessen genießt sie sehr. Aber das Schulthema plagt sie:
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„Ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit durch die Finger rinnt. Ich kann gar nicht glauben, dass die kleine Marie-Antoinette schon in die Schule kommt. Es fühlt sich so an, als ob ich sie erst gestern geboren hätte.“

„Wie fühlt sich das an? Was für ein Gefühl bekommen Sie dabei?“

„Es macht mich traurig. Weil ich mir vorstelle, dass sich die Kinder immer weiter von mir entfernen. Ich frage mich, ob ich ihnen genug gegeben habe, ob ich nicht etwas versäumt habe. Eines Tages werden sie ausziehen, und ich habe nicht genug Zeit mit ihnen verbracht. Ich habe Angst, dass sie mir das einmal vorwerfen können.“

„Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass sie nichts versäumt haben könnten? Ist es nicht immer so, dass wir einander irgendetwas schuldig bleiben? Ich finde das nicht dramatisch. Was Kinder brauchen, ist nicht, dass wir viel mit ihnen unternehmen, sondern dass sie gut aufgehoben sind und von uns geliebt werden. Und ist Zeit überhaupt eine Einheit, in der Liebe gemessen werden kann?“

„Nein. Wenn ich an unsere Ehe denke, ist sie gut, obwohl wir nicht viel Zeit miteinander haben. Da fühle ich mich geborgen, wenn ich abends an seiner Schulter liegen kann, wenn er meinen Rücken streichelt und wir ein bisschen plaudern können. Das ist für mich Liebe. Und für Franz-Stefan ist es gut, wenn ich ihn kurz berühre, ihn beim Vorbeigehen küsse – da fühlt er sich von mir geliebt. Stimmt: es ist nicht die Länge der Zeit sondern die Intensität.“

grass-2563424_1280„Und die Kinder? Bekommen die genug Intensität – „quality time“, wie das heute heißt? Fühlen sich Ihre Kinder bei Ihnen geborgen, geliebt?“

„Marie-Antoinette will unbedingt groß und unabhängig sein, aber am Abend hat sie es gerne, wenn man sie ins Bett bringt und dann noch eine Zeitlang bei ihr am Bett sitzt und über den Tag plaudert. Und Josef liebt es, wenn er von seinen Abenteuern mit seinen Freunden erzählen kann. Und wenn wir dann seine gefühlten 1000 Fotos anschauen, die er gemacht hat. (Lacht) Ja, denen geht es ziemlich gut. Das stimmt.“

„Jetzt müssen wir uns noch anschauen, wie es Ihnen damit geht, dass die Kinder Sie nicht mehr so brauchen. Wie ist das für Sie?“

„Ach, ich finde das toll. Ich bin nicht so eine Baby-Mama, ich mag gerne, wenn die Kinder alleine ins Auto einsteigen können und sich auch selbst beschäftigen. Ich finde es super, mit den Kindern halbwegs normal reden zu können und nicht mehr stundenlang auf dem Boden mit Playmobil spielen zu müssen. Und ich bin froh, dass sie nicht mehr so viel Betreuung brauchen. Dass ich mit Franz-Stefan mal sitzen kann und auch tagsüber reden, wenn die Kinder spielen. Das ist gut für mich, ja.“

Wie es Maria-Theresia heute bei der Einschulung auf dieses Gespräch hinauf geht und welche Themen sie sonst noch beschäftigen, erfahren wir alle, wenn sie das nächste Mal in Therapie kommt. In vier Wochen erzähle ich wieder von ihr. 

 

Schau in die Therapien: Vorstellung der KandidatInnen.

4. September 2017

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Wie versprochen beginne ich heute meine neue Herbstreihe, bei der ich Sie ein Stück an meiner Arbeit teilnehmen lasse. Ich stelle Ihnen heute die KlientInnen vor, von deren Therapie Sie in den nächsten Wochen etwas erfahren werden. Über jedeN werde ich also ca 1x/ Monat berichten: was in den letzten Wochen Thema war, woran gearbeitet wurde, was jedeN bewegt hat, und auch, was meine Einschätzung des Therapieverlaufs ist. Ich hoffe, Sie können davon für sich selbst etwas gewinnen, und wenn es „nur“ Ihre Neugierde ist, wie eine Therapie (bei anderen) ablaufen kann.

 

Die 6m hohe Statue am Maria-Theresien-Platz erinnert an die Kaiserin, die in Wien von 1740 bis 1780 regierte, Österreich„Nichts fällt schwer, wenn man wahrhaft liebt und seine Pflicht kennt“: Maria-Theresia H.

Maria-Theresia ist eine viel arbeitende Mutter, die versucht, Familie und Haushalt unter einen Nenner zu bekommen. Sie ist 42 Jahre alt und seit 16 Jahren mit Franz-Stefan verheiratet. Sie hat 2 Kinder, Josef und Marie-Antoinette, ihre Familie bedeutet ihr sehr viel. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Abteilungsleiterin einer größeren Firma. Sie muss sich in der harten Männerwelt bewähren, und zB. immer wieder darum kämpfen, dass ihre Entscheidungen durchgesetzt werden. Das hat dazu geführt, dass sie immer wieder mit Panikanfällen zu kämpfen hatte, die allerdings in der letzten Zeit schon beinahe verschwunden sind. Sie ist seit 2 Jahren in Therapie, hat insgesamt 44 Sitzungen gemacht und wird in der nächsten Zeit ihre Therapie vermutlich abschließen.

 

frank-sinatra-1281484_1280„I did it my way“: Frank S.

Frank ist ein ziemlicher Eigenbrötler, und extrem stur: er macht nichts, was ihm nicht passt. Das und seine „leicht skurrile Art“ (Eigendefinition) bringen ihn in Beruf und Privatleben immer wieder  in Schwierigkeiten. Er ist 57 Jahre, war vor langer Zeit einmal verheiratet und hat aus dieser Zeit einen Sohn, mit dem er selten Kontakt hat. Beruflich hat er schon Vieles probiert, sein Hobby ist die Kunst, aber davon kann er nicht leben. Sein Beziehungsleben war ebenso wechselhaft, er hat sehr klare Vorstellungen davon, wie eine Frau zu sein hat. Zur Zeit hat er eine Fernbeziehung mit einer Frau in Salzburg, die seit einem halben Jahr läuft, bisher recht gut. Seine Therapie hat vor dem Sommer begonnen, wir hatten vor dem Urlaub zwei Sitzungen, jetzt geht es also erst richtig los.

 

palm-springs-2183065_1280„Manche mögen´s heiß“: Marilyn M.

Marilyn ist 34 Jahre alt, alleinstehend, „leider“, wie sie sagt. Sie hatte immer schon Probleme mit Beziehungen, im Moment hat sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, der sich nicht für sie entscheidet. Das ist nicht ihre erste Beziehung, alle anderen waren aber ebenfalls eher instabil. Sie ist aussergewöhnlich eifersüchtig und hat Probleme mit ihrem Körper, den sie nicht schön genug findet (im Gegensatz zu der Meinung anderer). Sie verwendet Sexualität als Ersatz für Liebe und ist damit ständig unglücklich.  Sie sucht überall Bestätigung, empfindet aber häufig Ablehnung, die sie oft selbst durch ihre drängende Art zu provozieren scheint. Beruflich ist sie Schauspielerin ohne fixe Anstellung, sie macht Gelegenheitsjobs aller Art. Auch ihre Therapie hat eben erst begonnen.

 


Francois Perier, Paula Dehelly in " The Jean-Paul„Das Sein und das Nichts“: Jean-Paul S.

Jean-Paul ist 44 Jahre, verheiratet, keine Kinder. Er ist schon viele Jahre depressiv, immer wieder mit Suizidgedanken verbunden. Seine Frau Simone ist sehr stark und unabhängig, sie gibt ihm nicht viel Nähe oder Wärme. Er beschäftigt sich stattdessen mit Philosophie und geht zu allen möglichen Selbstfindungskursen, bei denen er meistens der einzige Mann ist. Er fühlt sich leer und sein Leben empfindet er als sinnlos. Sein Beruf ist die Buchhaltung einer mittelgroßen Firma, was er unbefriedigend findet, da er den Eindruck hat, das auch das völlig bedeutungslos ist. Er denkt immer wieder über den Tod nach, auch von der philosophischen oder esoterischen Seite, stellt sich Fragen über ein Leben nach dem Tod, schläft deswegen oft wenig, was seine Depression erst recht steigert. Er ist seit etwa 8 Monaten in Therapie, wir hatten bisher 17 Sitzungen.

 

Lustvoll: mit allen Sinnen genießen. Sommerreihe Teil 12: Zum guten Schluss.

28. August 2017

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Zum guten Schluss

– bedanke ich mich bei allen, die mir den Sommer über treu geblieben sind und meine Beiträge gelesen, gemochte und vielleicht sogar geteilt haben! Ich hoffe, sie haben geholfen, das Leben mit voller Lust und allen Sinnen zu genießen. Es hat mir Freude gemacht, Euch und Ihnen Vorschläge und Anregungen zu machen. Alles habe ich selbst auch mitgemacht – ihr musstet nichts machen, was ich nicht auch ausprobiert habe! 🙂 Das hat unter anderem dazu beigetragen, dass ich selbst mit voller Lust diesen Sommer erlebt habe. Danke also auch Euch und Ihnen!

Wieder zurück im Alltag!

Jetzt ist es gut, wieder in die Praxis zurück zu kommen und mit echten Menschen zu arbeiten. Ab heute bin ich wieder im Dienst und freue mich über alle, die mit mir reden wollen: Neue und Wohlbekannte, Wiederkommende und Neugierige. Ich bin für alle Themen offen und nach der langen Sommerpause auch wieder gut erholt und bereit, mich mit Ihren Anliegen zu beschäftigen. Starten wir in den Herbst, gut genährt und gestärkt aus der Lust des Sommers!

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Es gibt noch eine Ankündigung für alle, die den Blog nicht abonniert haben (es wäre ganz einfach: Button klicken und Mailadresse eingeben, schon ist es erledigt und Sie bekommen jede Woche meine Beiträge per Mail!).

Wir werden wieder ein Praxisfest im Herbst machen, zu dem ich jetzt schon alle einlade: FreundInnen, KollegInnen, Interessierte, ehemalige und aktuelle KlientInnen und deren PartnerInnen („eine gute Gelegenheit, diese Psycho-Tante einmal anzuschauen, zu der du da immer hinrennst“), für alle, die ihr Institut oder ihre Praxis vorstellen möchten und für alle, die gerne einmal unsere Praxis kennenlernen wollen:

Freitag, 10. November, 11 bis 19 Uhr.

Praxis am Schillerplatz,

Schützenhofgasse 39, 8010 Graz

Wir werden wieder zu jeder vollen Stunde eine Informations- oder Übungseinheit anbieten, das genaue Programm kommt noch.

 

Somit verabschiede ich mich von allen, die meinen Blog nicht regelmäßig lesen und hoffe, wir treffen einander wieder einmal – ich melde mich dann wieder zum Fest und später zu Advent und Weihnachten. Für alle anderen:

Eine Ankündigung für das neue Herbstprogramm:

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Ab September plane ich eine neue Serie: ein Blick in Therapien: einmal im Monat erzähle ich fortlaufend, was KlientInnen beschäftigt, an welchen Themen sie arbeiten, wo sie Fortschritte machen bzw. wo es schwierig ist. Ich hoffe, dass Sie das interessant finden, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir am leichtesten von anderen lernen: wir erkennen uns selbst in vielem wieder, wir verstehen manches leichter, wenn wir nicht selbst betroffen sind und wir freuen uns darüber, was wir schon erreicht haben.

(Für alle KlientInnen: Keine Sorge, das ist stark anonymisiert, niemand ist erkennbar! Und das Foto auf der Seite ist keine Klientin sondern eine Freundin, die sich netterweise dafür zur Verfügung gestellt hat. Danke dir dafür, P.!)

 

Vielleicht treffe ich damit auch Ihre Probleme, uns Sie können sich ein Stück Therapie „vom Bildschirm“ holen. Wenn Sie aber doch lieber selbst mit mir reden möchten, dann tun Sie das bitte! Sie können mich anrufen, mailen oder sich online einen Termin ausmachen, ich freue mich auf jeden Fall darüber, wenn Sie mit mir arbeiten wollen.

Lustvoll: mit allen Sinnen genießen. Sommerreihe Teil 11: Erfüllung.

21. August 2017

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Gefühlt.

Unsere Sinne erlauben uns, zu fühlen: uns, unsere Umgebung, unsere Mitmenschen. Wir haben in den letzten Wochen schrittweise erlebt, wie unsere Sinne uns beschenken. Ich hoffe, es ist Ihnen gelungen, sich mehr und mehr dem Leben in seiner Fülle zu nähern. Wir fühlen die Welt, die uns umgibt, und das, was diese Eindrücke von außen mit uns innen drinnen machen. Wir werden beschenkt vom Leben und nehmen diese Geschenke mit Hilfe unserer Sinne und Gefühle wahr. So kann unser Leben voll werden.

Gefüllt.

Die Wahrnehmungen, die wir mit unseren Sinnen machen, können uns mit Lust, mit Freude, mit Wachsamkeit, mit Schmerz, mit Trauer … erfüllen. Das Leben hat viele Überraschungen für uns bereit, nicht alle sind freudvoll, aber auch lange nicht alle leidvoll. Das Leben in Fülle zu erleben bedeutet, sich auf alles einzulassen, was das Leben bietet: Höhen und Tiefen, Schmerz und Freude, Geburten und Todesfälle, Liebe und Abschied. Nur wer das Leid kennt, weiß auch die Freude zu schätzen, nur wenn man Gutes erlebt hat, kann man das Schwere durchstehen. Das Leben in seiner Fülle zu spüren erfüllt uns ganz.

i-beg-your-pardon-927751_1280Beschenkt.

Alles anzunehmen, was das Leben für uns bereit hält, in seinen dunklen und hellen Seiten, ist keine einfache Übung. Oft haben wir Vor-Stellungen vom Leben: wir stellen etwas Gewünschtes vor das, was wirklich ist. Es ist schon in Ordnung, gewisse Erwartungen zu haben, das ist sehr menschlich. Die Frage ist nur, wie sehr wir uns dagegen wehren, wenn es doch anders kommt als wir uns gewünscht haben. Anzunehmen, was IST statt darüber zu klagen, was unserer Meinung nach sein SOLLTE, das macht das Leben leichter. Und wenn wir erkennen, dass alles, was wir erleben, ein Geschenk ist (auch wenn es manchmal etwas unschön verpackt ist), dann sind wir schon ziemlich weise!

Geliebt.

Wer Liebe erfahren will, muss sich beschenken lassen. Für viele Menschen ist das allerdings gar nicht leicht, für sie ist es einfacher, selbst zu schenken als Geschenke zu bekommen. Denn dann muss man sich bedanken, steht in jemandes Schuld, muss man sich ein Gegengeschenk ausdenken (der übliche Weihnachtsstress eben). Sich lieben zu lassen ist meiner Meinung nach ein Akt von Mut und Demut: Ich lasse mich von dir ansehen in meinem So-Sein, ich öffne mich dir, ich zeige mich dir nackt – in meiner Schönheit und meiner Verletzbarkeit. Und ich erlaube dir, mich zu berühren.  Nur wenn ich mich berühren lasse, kann ich gestreichelt werden, kann meine PartnerIn mir ihre/seine Liebe auch körperlich zeigen, kann ich diese Art von Lust empfinden. Das ist riskant, denn jede Berührung könnte auch grob sein, verletzend, schmerzhaft. Mut also, weil es gefährlich ist und Demut, weil ich mich beschenken lassen darf.

love-1010915_1280Erfüllt.

Wenn wir gut gefüllt sind, unsere Bedürfnisse befriedigt und unser Hunger nach Liebe gestillt ist, sind wir in der Lage, über uns selbst hinaus zu wachsen. Dann, und auf Dauer nur dann, ist es möglich, sich für Andere einzusetzen: in einer Beziehung, in einer Gruppe, einer Aufgabe, für die Welt. Wenn wir satt sind, sind wir in der Lage, aus dieser Fülle heraus großzügig auszuteilen. Wer (emotional oder energiemäßig) hungrig ist, kann  aus Angst, selbst zu verhungern, nicht teilen. Wer aber satt ist, kann aus der eigenen Fülle nicht nur selbst genug Kraft bekommen sondern auch aus dieser austeilen. Wer lustvoll lebt, kann Freude verbreiten, wer sich geliebt weiß, wird zur Liebe fähig sein. Wessen Leben erfüllt ist, der kann die Aufgaben, die das Leben an ihn stellt, gut erfüllen – und das wiederum erfüllt das Leben mit Sinn.

Ich nehme mir von überall her, so viel ich brauche – und wenn ich satt bin, teile ich das mit denen, die etwas davon brauchen können!

Ich liebe diesen Satz, denn er sagt: mir steht alles zu, was ich brauche. Das ist weit mehr als nur Geld (wenn auch das nicht unwichtig ist!): Sonne, Erholung, Musik, Bücher, FreundInnen, Liebe, Lachen, Sinn, Freude, Lust mit allen Sinnen.

Gönnen Sie sich diese Woche noch einmal mit allen Sinnen zu leben, mit allen Möglichkeiten Lust zu spüren – gehen Sie noch einmal durch, was Ihnen in den letzten Wochen am meisten zugesagt hat, probieren Sie, was Sie ausgelassen haben – nehmen Sich sich von überall her so viel Lust und so viele gute Erfahrungen, wie Sie bekommen können! Und dann spüren Sie, wie Sie in der Lage sind, diese Erfahrungen auch zu teilen, Freude, Lust und Liebe zu verschenken!

 

Lustvoll: mit allen Sinnen genießen. Sommerreihe Teil 10: Höhe-Punkt.

14. August 2017

 

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Was bisher geschah…

… ist das Entscheidende bei gelungener Sexualität. Erotik ist mehr als nur das „Vorspiel“. Sie beginnt bei der Aufmerksamkeit für einander, bei kleinen Freundlichkeiten, bei der gemeinsamen Hausarbeit: kochen, einander zur Hand gehen, einander überraschen. Sehr erotisch sind auch Fröhlichkeit, Selbstsicherheit und Humor – unkompliziertes und entspanntes Miteinander. Das alles sind Fundamente, auf denen Vertrauen ruht, und das wiederum ist die Basis für richtig guten Sex.

Lust ist etwas, das nicht im Bett entsteht. Lust auf einander kennen die meisten Paare aus ihrer Anfangszeit, als alles noch neu und aufregend war. Wenn der Zauber verloren gegangen ist, dann geschieht das auch nicht (nur / vor allem) im Bett. Dort zeigt es sich allerdings am schnellsten. Wenn man nicht mehr neugierig auf einander ist, wenn das Miteinander zu einer langweiligen Routine geworden ist, verschwindet auch die Freude am Sex (miteinander).

Sex oder Liebe, das ist hier die Frage!

Auch beim Sex ist das Spektrum weiter als: „Vorspiel – Verkehr – duschen – schlafen“. Sexy sind gute Küsse, für die man sich Zeit nimmt, Streicheleinheiten, die nicht sofort bei den erogenen Zonen landen. Tiefe Blicke, eine heiße Massage, intime Gespräche, zB über die sexuellen Fantasien oder Erfahrungen, zweideutige Eindeutigkeiten. Wecken Sie die Lust Ihrer PartnerIn, indem Sie herausfinden, was sie/ihn anturnt, nehmen Sie sich Zeit, viel Zeit für Zärtlichkeiten, bevor Sie weitergehen. Oder gehen Sie auch einmal nicht weiter, bleiben Sie bei den Anspielungen und warten Sie, wie Ihr Gegenüber reagiert. Warten zu können ist eine wichtige Tugend, auch in der Liebe.

Liebe zu machen ist etwas ganz anderes als Sex zu haben. Beides hat seine Berechtigung, aber wir sollten es nicht miteinander verwechseln. Das eine schließt natürlich das anderen nicht aus, aber es ist auch nicht zwangsläufig miteinander verbunden. Wenn Sie geliebt werden wollen, müssen Sie keinen guten Sex suchen (oder bieten) sondern Liebe! Sex führt zu Sex, und nur Liebe zu Liebe. Liebe machen hat mit Vertrautheit zu tun, damit, sich fallen lassen zu können, sich angenommen zu fühlen in all seinen Facetten. So banal es klingt: wir können nur „Liebe machen“, wenn wir uns geliebt fühlen.

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Wie hätten Sie´s gern?

Beim Sex gibt es viele unausgesprochenen Vorstellungen,  Fantasien, auch Ängste und Sorgen: machen wir „es“ zu früh, zu spät, zu oft, zu selten, gar nicht? Wer ist für was verantwortlich? Wann fühlen Sie sich als ganze Frau/Mann, wann so richtig begehrt? Was ist Ihnen peinlich beim Sex, wo sind Ihre Grenzen, was möchten Sie gerne einmal probieren? Wie wichtig ist es für Sie, dass der Verkehr die vertraute Routine nimmt, oder wie willkommen sind Ihnen Besonderheiten, neue Erfahrungen, Abwechslung? Viele Paare, die schon längere Zeit beisammen sind, klagen über Einfallslosigkeit, dann wären neue Ideen einmal angesagt, was allerdings oft Mut kostet. Andererseits ist es auch gut, zu wissen, was die PartnerIn mag, worauf er/sie besonders steht, was sie/ihn  erfreut.  

Sie dürfen auch sagen, wo Ihre Sorgen sind, was Sie als Gelingen oder Versagen einstufen, oder was Sie bei Ihrer PartnerIn als solches sehen. Viele Paare haben im Laufe der Zeit unterschiedliche Bedürfnisse an die Häufigkeit oder die Dauer, und es stellt sich oft als große Herausforderung dar, mit diesen verschiedenen Erwartungen umzugehen. 

Kommst du?

Um zu einem Höhepunkt zu kommen, ist es wichtig, dass man sich entspannt. Ohne diese wird der Mann keine Erektion bekommen, denn die Muskeln im Penis müssen entspannt sein, damit das Blut in den Penis fließen kann! Das ist der Grund – nebenbei bemerkt –  warum sorgenvolle Gedanken oft kontraproduktiv sind: Mann verkrampft sich, und dann ist es schnell mit der Standfestigkeit vorbei! Frauen müssen sich ebenfalls entspannen, sonst kann im Extremfall der Geschlechtsverkehr sogar schmerzhaft sein.

Eine wichtige Frage ist auch: wie endet Sex gut? Ist der Orgasmus (welcher: Ihrer, der Ihrer PartnerIn) das einzige Zeichen eines erfüllten Geschlechtsverkehrs? Was tun Sie, wenn es nicht so abläuft oder endet, wie Sie sich das vorstellen? Und auch hier gibt es viele Unsicherheiten: komme ich zu früh, zu spät, gar nicht? Zu laut, zu leise, zu oft, soll ich vorspielen, ist er echt? Während alle Männer schwören, einen vorgetäuschten Orgasmus zu erkennen, sind viele Frauen da anderer Meinung. Warum täuschen Frauen vor? Wem wollen sie damit helfen, sich oder dem Mann? Tut es das? Was wünschen Sie sich von Ihrer PartnerIn, wenn einer von ihnen nicht kommt?

Nach dem Sex ist vor dem Sex.illustration-1948906_1280

Es kann ja durchaus Spaß machen, komplizierte Stellungen, Spielzeuge und sexuelle Varianten auszuprobieren, aber wichtig ist, dass Sex weder ein Leistungssport noch eine Kunstübung ist. Sex ist, sich und einander Freude zu machen, und ist immer eine gemeinsame Angelegenheit. Das bedeutet auch, dass es wichtig ist, miteinander darüber zu sprechen, was gut tut, anturnt, Spaß macht oder eben nicht.

Es ist – überraschender Weise, in unserer so aufgeklärten Zeit, in der Pornographie allgegenwärtig ist – immer noch eines der schwersten Themen, mit der PartnerIn ehrlich über Sex zu reden. Es gibt die durchaus berechtigte Angst vor Verletzungen auf diesem Gebiet (wie sage ich ihr/ihm, dass mich ….. anturnt, oder dass mir sein/ihr ….. nicht gefällt?), dass viele Paare das lieber auslassen. Sie haben Sex, und dann drehen sie sich auf die Seite und schlafen ein. Es braucht viel Vorsicht, und auch mal eine Prise Humor, über intime oder peinliche Dinge zu sprechen, ein Nein aushalten zu können, ein Versagen anzusprechen. Aber so, und nur so!, entsteht die Vertrautheit, die die Voraussetzung dafür ist, dass es bei einem nächsten Mal besser wird. 

Sex ist nichts für Feiglinge!

Nun, auf in die Praxis! Üben Sie diese Woche, sooft es geht! Machen Sie einander Freude: packen Sie Ihr erotisches Rüstzeug aus, verführen Sie einander mit allen Spitzfindigkeiten. Probieren Sie etwas aus: packen Sie einmal kräftig zu oder lassen Sie sich extra lang Zeit. Überfallen Sie Ihre PartnerIn schon hinter der Wohnungstür oder überraschen Sie sie/ihn irgendwie. Lassen Sie Ihre gemeinsamen Fantasien spielen, machen Sie einmal etwas Ungewöhnliches, entdecken Sie die Lust auf Abenteuer wieder! Und vor allem (leider, aber das muss sein!): reden Sie miteinander. Über Sex, über Lust, über Liebe! Die lauen Sommerabende machen es leichter: eine Kerze, ein Glas mit Ihrem Lieblingsgetränk – bereiten Sie sich und einander eine heiße Nacht! Viel Lust wünsche ich Ihnen für die kommende Zeit!