Archive for the ‘Fallbeispiele’ Category

Jean-Paul S: Es ist genug

20. November 2017

face-1190352_1280

Jean -Paul ist es ja schon länger schlecht gegangen, und das hat sich nicht geändert. Die Kälte, die Dunkelheit und die Aussicht auf die Weihnachtszeit – all das macht seine Depression eher schlechter.

„Ich war bei der Ärztin, und sie hat gemeint, ich soll mehr Tabletten schlucken. Ich mag das nicht. Ich nehme die, die ich bis jetzt nehmen sollte, schon so ungern. Aber noch mehr – ich bin eigentlich gegen Tabletten. Sollte ich das nicht alleine schaffen?“

Ich verstehe es als eine Erweiterung Ihrer Aussage, dass, „wenn Sie sich ein bisschen zusammennehmen würden“, das alles nicht notwendig wäre. Ist das so gemeint?

face-1013519_1280„Ja, ich finde mein Gejammer erbärmlich. Alles finde ich erbärmlich. Auch die Menschen um mich herum: erbärmlich. Aber am meisten erbärmlich finde ich mich selbst.“

Wenn Sie „erbärmlich“ sind – haben Sie dann auch Erbarmen mit sich? Wie es das Wort ja im Grunde genommen fordert?

„Ha, Erbarmen mit mir! Nein, sicher nicht. Ich mag einfach nicht mehr. Mich nicht mehr mit mir so plagen. Mich so erbärmlich fühlen. Mir ist es zu viel. Alles ist zuviel. Es ist genug, ich mag nicht mehr.“

Muss ich mir um Sie Sorgen machen, Jean-Paul?

Er schweigt, was mir gar nicht gefällt.

Wenn es so schlimm ist – wie wäre es, wenn Sie für eine Zeit ins Krankenhaus gehen würden? Wie schon im Vorjahr scheint diese Jahreszeit für Sie sehr belastend zu sein – da könnte Ihnen vielleicht eine Auszeit gut tun, wie voriges Jahr. Was halten Sie davon?

Er hat den Kopf gesenkt und schweigt weiter. Dann nickt er.

„Ja, das wäre wahrscheinlich gut. Ich finde es zwar auch erbärmlich, wenn ich ab jetzt jeden Herbst im Krankenhaus sein muss, aber es hat mich damals schon aufgeheitert. Es war einfach einmal eine Zeit, in der ich viel geschlafen habe, mit anderen Betroffenen gesprochen und die Therapien waren auch ganz gut. Nicht alle, aber einige.“

Gut, werden Sie bitte mit Ihrer Ärztin reden, dass sie Sie überweist?

little-boy-1635065_1280Wir vereinbaren, dass er sich noch heute an seine Ärztin wendet und mir Bescheid gibt, wenn er im Krankenhaus angekommen ist, damit ich mir keine Sorgen machen muss. Ich bin froh, dass er sich diese Zeit gönnt, es ist ihm wirklich nicht gut gegangen, und niemand muss immer alles alleine schaffen.

Advertisements

Frank S.: I´ve got you under my skin!

13. November 2017

relationship-2005175_1280

Ich habe das Wochenende sehr genossen. Barbara war wirklich gut drauf, wir haben viel miteinander unternommen. Es war schwer, sie dann am Sonntag Abend in den Bus steigen zu sehen. Ich freue mich immer, wenn wir uns gut verstehen. Ich hatte noch nie eine Freundin, mit der ich mich so gut verstanden habe.

„Das freut mich sehr. Wenn ich fragen darf: was ist denn anders als mit den Freundinnen bisher?“

Sie ist lustiger, weniger launisch. Das macht es viel einfacher. Die anderen waren immer irgendwie schwierig, das ist sie nicht. Und wir können über alles reden. Sie ist sehr verständnisvoll, was meine Art angeht, sie beklagt sich nicht ständig. Keine komplizierte Frau eben. Ich hatte schon fast aufgehört, darauf zu hoffen.

„Und Sie – was machen SIE anders als bisher? Irgendwie nehmen wir uns ja immer selber mit in eine neue Beziehung. Wenn wir auf Dauer etwas anderes erleben wollen, müssen wir auch bewusst selbst anders sein.“

teds-1808323_1280Ja, ich versuche, meine Gefühle mehr zu zeigen. Mehr über mich zu sprechen. Das fällt mir nicht leicht, aber Barbara ist da eh sehr konsequent. Sie fragt mich immer wieder. Am Anfang hat mich das schon eher genervt, aber ich merke, dass ich da auch besser werde. Es fällt mir leichter, bei mir und bei meinen Gefühlen zu bleiben statt immer nur zu schauen, wie sie drauf ist. Dafür ist sie selbst verantwortlich. 

„Das klingt alles sehr gut, gratuliere!“

Ja, ich bin auch sehr froh, dass wir den Einstieg geschafft haben. Die ersten Monate sind doch die entscheidenden, meiner Erfahrung nach. Ich habe ein richtig gutes Gefühl bei Barbara und mir. Und auch der Sex funktioniert gut, das ist nicht immer bei den Frauen so. Oft geht es mir so, dass nach der ersten Begeisterung die Zahl der heißen Nächte auch abflaut, aber das ist bei uns bis jetzt nicht so. Wahrscheinlich, weil wir nicht immer zusammen sind. Das hält die Sehnsucht aufrecht.

Das kann gut sein. Wird das denn so bleiben – die Fernbeziehung? Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?

Barbara hat eine Fixstelle in ihrer Firma, die kann da schwer weg. Ob ich allerdings Graz verlassen will? Das scheint mir doch ein großer Schritt zu sein. Mir wäre lieber, Barbara käme zu mir. Dann wäre das Risiko nicht so groß.

„Für Sie jedenfalls.“

key-2114046_640Ja, natürlich. Da ist also sicher noch nicht bald eine Lösung in Sicht. Dazu kommt noch, dass wir da unterschiedlich denken: ich hätte sie schon gerne näher bei mir, aber ihr ist der Freiraum ganz recht. Sie freut sich immer, wenn sie Tage für sich hat. Das geht für mich auch, aber die Nächte sind schwer. Ich schlafe nicht gerne allein. Aber, wissen Sie was: ich gedulde mich da einfach. Ich habe von Ihnen gelernt, dass nicht alle Probleme auf einmal zu lösen sind, und versuche einfach, mich auf das zu konzentrieren, was im Moment dran ist.

„Danke, Frank, das freut mich.“

Jean-Paul S: Hat das Sein einen Sinn?

30. Oktober 2017

skull-726253_1280

Jean-Paul ist immer noch ziemlich depressiv, und das schwindende Licht, die Erinnerung an die Vergänglichkeit, den Tod und die Verstorbenen, die sich um Allerheiligen herum aufdrängt, machen es nicht besser.

„Was für einen Sinn hat dieses Leben? Wozu soll ich mich plagen, wenn es sowieso eines Tages zu Ende sein wird?“

Das ist eine gute Frage. Die haben sich vor Ihnen schon viele Menschen gestellt, und sind dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Manche werden religiös und suchen einen Sinn im Jenseits, manche versuchen, so intensiv als möglich zu leben, manche finden es völlig leer und sterben lieber. Und im Grunde gibt es so viele Antworten wie es Menschen gibt. Was davon haben Sie schon überlegt, oder was für eine Antwort könnte denn Ihre sein?

„Ich glaube, wenn man Kinder hat, dann ist es leichter. Dann weiß man, wozu man sich anstrengt, dann muss man einfach immer weitermachen, schon alleine für sie. Aber ich habe keine. Und wir wollen auch keine. Dann fragt man sich schon, wozu das alles…“

Ja. Und was ist Ihre Antwort?

„Ich finde es mühsam, dieses Leben.“ (Er schweigt eine Weile).

Ich weiß, aber Sie leben noch – worüber ich sehr froh bin. Was ist es, das Sie am Leben hält? Irgendetwas scheint das zu sein. Können Sie es sagen?

grass-1913167_1280Er denkt nach. „Vielleicht die Hoffnung, dass es eines Tages besser wird. Dass ich etwas finde, was mir Freude macht. Dass es nicht immer alles sinnlos ist. Manchmal ist es ja auch besser, dann freut mich irgendetwas. Dann denke ich, es könnte sich auszahlen, mich anzustrengen. Und Simone, die hält mich auch. Ich will nicht, dass sie zurückbleibt und trauern muss. Das will ich ihr nicht antun. Auch wenn unsere Ehe nicht so toll ist – das tut man einfach nicht.“

Ich bin froh, dass Sie es so sehen. Was könnte denn Ihr Sinn sein? Was könnte denn für Sie so interessant sein, dass es sich lohnt, sich dafür einzusetzen? Ich weiß, dass das schwer ist, aber nur mit unserem Einsatz wird unser Leben auch sinnvoll, von alleine geht das nicht. Wenn wir uns für etwas engagieren, dann wird uns etwas wert-voll.

„Ob mein Leben einen Sinn hat, liegt in meiner Hand?“

Ja, in wessen denn sonst?

Jean-Paul wird sich mit einem Mal bewusst, dass er es ist, der seinem Leben einen Sinn geben kann, und das freut ihn, denn dann fühlt es sich nicht mehr hilflos und ausgeliefert. Er überlegt, wofür er sich so sehr einsetzen könnte, dass es ihm etwas bedeutet.

library-425730_1280

Er interessiert sich für die deutsche Literatur der Zwischenkriegszeit und kommt auf die Idee, sich möglichst viele Bücher eines Autors zuzulegen, den er mag: Joseph Roth. Er hat schon einige zuhause und plant, alle vollzählig zu sammeln.

Lesen erweitert den Horizont und öffnet den Himmel.

Maria Theresia und Franz-Stefan

16. Oktober 2017

Die Einschulung von Marie-Antoinette ist gut gegangen, alle haben sich an den neuen Alltag gewöhnt. Maria Theresia liest weiter jeden Abend eine Geschichte für ihre Kinder, die das immer noch genießen. Ihre Ängste sind kleiner geworden, dass die Kinder sie allzu schnell verlassen können.

Womit möchten Sie sich heute beschäftigen? Wobei kann ich Ihnen helfen?

divorce-2437969_1280Es geht mir um die Beziehung zu Franz-Stefan. Die ist in der letzten Zeit etwas kühler geworden. Er spricht kaum mit mir. Wenn ich heimkomme, sind erst die Kinder auf dem Programm. Das war schon immer so, und das ist auch in Ordnung. Aber wenn dann Ruhe ist, haben wir früher geredet, gemeinsam aufgeräumt oder ferngesehen. Und jetzt: jeder macht seines, und irgendwann gehen wir ins Bett. Nicht einmal das zur selben Zeit manchmal.

Und das ist für Sie …?

Traurig, weil ich mich so alleine gelassen fühle. Als ob er sich darüber ärgern würde, dass ich zur Abteilungsleiterin aufgestiegen bin. Da muss ich natürlich mehr arbeiten, aber das mache ich ja nicht zum Vergnügen.

Sondern? Wofür machen Sie das denn?

Na, für uns doch. Damit wir genug Geld haben, damit wir uns etwas leisten können: einen schönen Urlaub, eine gute Ausbildung für die Kinder. Ich arbeite viel, weil wir unseren Kindern gerne etwas bieten möchten. Und uns auch gelegentlich etwas: ein Essen in einem guten Restaurant, ein bisschen Luxus dann und wann.

Und nicht auch, weil es Ihnen Freude macht? Weil es Ihren Fähigkeiten entspricht?

Working MumJa, natürlich, das auch. Aber darüber haben wir gesprochen, und es ist für uns beide okay. Jedenfalls war es das. Wenn ich mir jetzt anschaue, wie er reagiert, dann frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Wenn ich dann nachdenke, zweifle ich daran, dass er überhaupt irgendwann die Wahrheit sagt.

Also, langsam bitte. Zuerst einmal: wissen Sie genau, dass es eine Strafe ist? Oder nehmen Sie das an?

Na, seit ein paar Monaten ist er so, ungefähr seit ich die Beförderung erhalten habe. Ja, das geht sich ziemlich gut aus.

Aber sicher wissen Sie es nicht? Haben Sie darüber gesprochen? Und wenn ja, was ist denn seine Ansicht?

Direkt gesprochen haben wir nicht, aber das ist ja offensichtlich, oder? (Denkt nach.) Na gut, ich kann ihn ja fragen. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes.

Ich glaube auch dass es gut wäre, das Sie einmal herauszufinden. Nebenbei bemerkt: Ich finde es okay, wenn man Freude hat an der Arbeit, und man braucht das nicht zu verstecken und so tun, als ob man das nur für die Familie macht. Und dann: wie wäre es, wenn Sie gemeinsam wieder nach Ritualen suchen, um den Kontakt zu pflegen? Sie hatten doch schon einmal etwas, oder?

Ja, das hatten sie: es gab wöchentliche Beziehungsgespräche, die beiden sehr gut getan haben. Franz-Stefan, weil er sich dadurch besser gehört gefühlt und Maria Theresia, weil sie sich in gutem Kontakt mit ihrem Mann befunden hat. Sie beschließen, das wieder aufleben zu lassen.

marriage-2751813_1280

Frank: I want it my way.

25. September 2017

rage-1541317_1280Als Frank am Donnerstag in die Sitzung kommt, ist er sehr verärgert: gerade hatte er am Telefon Streit mit seiner Freundin, die ihm kurzfristig mitgeteilt hat, dass sie am kommenden Wochenende nicht zu ihm kommen wird. Sie möchte mit ihrer Schwester, die selten Zeit hat, wandern gehen – das Wetter in Salzburg soll gut werden und die Berge locken die beiden.

„Sie hätte mir das bitte etwas früher sagen können: ich habe fix damit gerechnet, dass sie morgen Abend kommt. Ich hab sogar schon eingekauft und eine Veranstaltung herausgesucht, die ich gerne mit ihr besucht hätte. Das kann ich jetzt alles schmeißen. Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre es leichter gewesen. Aber so – das tut man einfach nicht, oder?“

„Ist das nicht vom Wetter abhängig? Das muss man doch auf jeden Fall kurzfristig entscheiden.“

im-right-1458410_640„Ja, eh, aber ich habe mich auf sie gefreut, und jetzt muss ich umplanen. Sie hätte ja schon früher sagen können, dass sie das vorhat. Aber das hat sie nicht gemacht. Stellt mich einfach vor vollendete Tatsachen. Das mag ich nicht. Wenn man einmal in meinem Alter ist, fällt einem das nicht mehr so leicht.“

„War das früher also einfacher? Haben Sie sich damals leichter auf Änderungen einstellen können?“

„Naja, im Grunde genommen nicht. Ich mag es, wenn Menschen sich an das halten, was sie ausgemacht haben. Ich steh auch zu meinem Wort. Versprochen ist versprochen, wie das so schön heißt, oder? Und wenn man dann einfach weggeschoben wird, weil irgend etwas Anderes daher kommt, dann fühlt man sich doch auch nicht gut. Das muss doch jeder verstehen. Auch Barbara. Sie kann doch genauso gut mit ihrer Schwester unter der Woche wandern gehen.“

„Hat sie da frei?“

„Sie kann sich ja frei nehmen, wenn es ihr so wichtig ist.“

Es ist eine Weile still, dann frage ich:

„Wie werden Sie jetzt diesen Streit beenden? Was haben Sie gemeinsam für Methoden entwickelt?“

„Sie wird es einfach machen, das weiß ich. Ich habe keine Chance, dass sie ihre Pläne für mich verändert. Und wir werden halt nicht mehr darüber reden. Das findet sich dann schon wieder.“

„Ist das gut?“costume-1557416_1280

„Nein, aber das einzige, was sinnvoll ist. Vorbei ist vorbei, ich sag immer: Schwamm drüber und ab in die nächste Runde.“


Für den Moment scheint mehr nicht möglich zu sein, aber Frank ist nachdenklich geworden. Wir besprechen noch, wie er sein Wochenende verbringen wird und wann und in welcher Weise er wieder den Kontakt zu Barbara herstellen wird. Er weiß, dass seine aufbrausende Art sie verschreckt hat und will ihr daher vorerst nur SMS schicken. Am Ende der Stunde ist er immerhin ruhiger und kann sich vorstellen, das Wochenende auch ohne seine Freundin angenehm verbringen zu können.

Marilyn: Manche mögen´s nicht einsam.

18. September 2017

woman-466130_1280Marilyn kommt in die Sitzung, es ist die vierte, die Stunde beginnt daher etwas schleppend – auch Therapie zu machen will gelernt sein.  Aber nach einigen Minuten finden wir ein Thema, über das sie sprechen möchte: die Beziehung mit John F.K. Ich lade sie ein, einfach einmal damit anzufangen, was der aktuelle Stand ist.

„Am Freitag habe ich John F.K wieder einmal getroffen, das erste Mal seit einigen Wochen. Er war sehr hungrig auf mich, der Sex war daher echt großartig. Aber dann wollte ich noch mit ihm zusammen etwas trinken – dafür war dann wieder keine Zeit. Er wollte bald wieder weg, und so war es dann auch.“

„Wie war das für Sie?“


„Naja, es war irgendwie „business as usual“. Er ist dann immer sehr schnell wieder weg. Ich verstehe das ja auch, er hat viel zu tun, sein Beruf ist sehr stressig. Er hat unheimlich viel zu tun. Nächste Woche ist er schon wieder ein paar Tage irgendwo im Mittleren Osten, einen Vertrag abschließen.“

„Ja, aber wie war das für Sie?mural-1331783_1280

„Ich bin es gewöhnt. Und dann muss er ja auch gut aufpassen, dass Jackie, seine Frau, nichts mitbekommt. Die ist sehr eifersüchtig. Schrecklich. Alles kontrolliert sie. Ich würde nie einen Mann so sehr in die Zange nehmen wie sie.“

„Marilyn, ich frage gerne noch einmal: wie ist es Ihnen damit gegangen?


(Sie wird nachdenklich, schaut eine Weile in ihren Schoß und seufzt dann.) „Ich habe mich leer gefühlt, wie so oft. Ich habe ihm dann etwa 10 Nachrichten geschickt, die ersten drei hat er noch gelesen und geantwortet, dass er in einer Besprechung ist. Die restlichen hat er nicht mehr einmal mehr angeschaut. Ich bin die ganze Nacht wach gelegen und habe gehofft, er liest sie doch und antwortet, aber das hat er dann erst am Montag gemacht. Am Montag – drei Tage später! Aber ich weiß schon: oberste Regel: das Wochenende gehört der Familie. So ist das, wenn man die Nebenfrau ist.“

„Klingt bitter.“

„Ist es auch. Gerade am Wochenende bin ich dann oft einsam. Unter der Woche telefonieren wir manchmal, schreiben uns, aber Samstag, Sonntag – Funkstille. Ich hab zum Glück an beiden Tagen gearbeitet, da war ich wenigstens abgelenkt. Aber die Abende sind manchmal echt lang. Ich bin dann mit einer Freundin fort gegangen, aber die ist gerade frisch verliebt und erzählt mir ständig, wie gut es ihr geht, wie toll und superlieb ihr neuer Lover ist – das halte ich nicht so gut aus.“

„Ich bin froh, dass es Ihnen gelungen ist, die Frage nach sich selbst doch zu beantworten. Das scheint Ihnen schwer zu fallen: ich musste drei Mal nachfragen, bis sie über sich selbst gesprochen haben. Die erste Antwort war über John F.K, dann über Jackie, und erst beim dritten Mal habe Sie über Sie selbst gesprochen. Ist Ihnen das aufgefallen?“

Vorragn„Nein, aber Sie haben Recht: ich komme immer am Schluss in dieser Geschichte. Immer kommen erst die beiden und ihre ach so tolle Ehe, die auf keinen Fall scheitern darf wegen der Kinder. Und dann, wenn noch Zeit ist, kommt er zu mir.“

„Ja, sicher, das ist schwer, wenn man die „Affäre“ ist. Aber jetzt gerade war es nicht er, der Sie nicht beachtet hat, sondern Sie selbst. Kennen Sie das sonst auch in Ihrem Leben, dass Sie sich nicht wichtig genug nehmen, dass Sie sich sogar manchmal selbst vergessen?“

Marilyn nickt und wir reden eine Weile darüber, wie es ihr besser gelingen kann, sich selbst mit ihren Gefühlen wahr zu nehmen. Wir überlegen, wie sie sich immer wieder daran erinnern kann und sie nimmt sich vor, sich in der nächsten Zeit irgendwie zu belohnen, wenn es ihr gelingt, ihre eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Dann vereinbaren  wir einen neuen Termin und verabschieden uns von einander.

In der nächsten Folge „Manche mögen´s heiß“  in ein paar Wochen werden wir erfahren,   wie gut es Marilyn gelungen ist, sich wichtiger zu nehmen und welches Belohnungssystem sie sich ausgedacht hat. Halten wir ihr die Daumen, dass sie es immer wieder schafft!

 

Maria-Theresia: Mein „Baby“ kommt in die Schule!

11. September 2017

frogs-1701047_1280

Maria-Theresia hat zwei Kinder: Josef ist 9, Marie-Antoinette ist 6 Jahre alt. Josef kommt in die 4. Klasse, Marie-Antoinette wird heute eingeschult. Diese Einschulung, und damit der Abschied vom Kleinkindesalter hat Maria Theresia in den letzten Wochen sehr zu schaffen gemacht: ihre Kinder werden groß!

Auf der anderen Seite freut sie sich darüber, dass die beiden im Hort gut aufgehoben sind – das macht der ganzen Familie das Leben etwas leichter, weil es weniger Aufwand bedeutet. Franz-Stefan ist es, der die beiden meist abholt, da Maria-Theresia um diese Zeit noch in der Arbeit ist. Er kauft dann ein und versorgt die Kinder, zum Essen kommt Maria-Theresia aber meistens heim. Diese gemeinsamen Abendessen genießt sie sehr. Aber das Schulthema plagt sie:
girl-106414_1280

„Ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit durch die Finger rinnt. Ich kann gar nicht glauben, dass die kleine Marie-Antoinette schon in die Schule kommt. Es fühlt sich so an, als ob ich sie erst gestern geboren hätte.“

„Wie fühlt sich das an? Was für ein Gefühl bekommen Sie dabei?“

„Es macht mich traurig. Weil ich mir vorstelle, dass sich die Kinder immer weiter von mir entfernen. Ich frage mich, ob ich ihnen genug gegeben habe, ob ich nicht etwas versäumt habe. Eines Tages werden sie ausziehen, und ich habe nicht genug Zeit mit ihnen verbracht. Ich habe Angst, dass sie mir das einmal vorwerfen können.“

„Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass sie nichts versäumt haben könnten? Ist es nicht immer so, dass wir einander irgendetwas schuldig bleiben? Ich finde das nicht dramatisch. Was Kinder brauchen, ist nicht, dass wir viel mit ihnen unternehmen, sondern dass sie gut aufgehoben sind und von uns geliebt werden. Und ist Zeit überhaupt eine Einheit, in der Liebe gemessen werden kann?“

„Nein. Wenn ich an unsere Ehe denke, ist sie gut, obwohl wir nicht viel Zeit miteinander haben. Da fühle ich mich geborgen, wenn ich abends an seiner Schulter liegen kann, wenn er meinen Rücken streichelt und wir ein bisschen plaudern können. Das ist für mich Liebe. Und für Franz-Stefan ist es gut, wenn ich ihn kurz berühre, ihn beim Vorbeigehen küsse – da fühlt er sich von mir geliebt. Stimmt: es ist nicht die Länge der Zeit sondern die Intensität.“

grass-2563424_1280„Und die Kinder? Bekommen die genug Intensität – „quality time“, wie das heute heißt? Fühlen sich Ihre Kinder bei Ihnen geborgen, geliebt?“

„Marie-Antoinette will unbedingt groß und unabhängig sein, aber am Abend hat sie es gerne, wenn man sie ins Bett bringt und dann noch eine Zeitlang bei ihr am Bett sitzt und über den Tag plaudert. Und Josef liebt es, wenn er von seinen Abenteuern mit seinen Freunden erzählen kann. Und wenn wir dann seine gefühlten 1000 Fotos anschauen, die er gemacht hat. (Lacht) Ja, denen geht es ziemlich gut. Das stimmt.“

„Jetzt müssen wir uns noch anschauen, wie es Ihnen damit geht, dass die Kinder Sie nicht mehr so brauchen. Wie ist das für Sie?“

„Ach, ich finde das toll. Ich bin nicht so eine Baby-Mama, ich mag gerne, wenn die Kinder alleine ins Auto einsteigen können und sich auch selbst beschäftigen. Ich finde es super, mit den Kindern halbwegs normal reden zu können und nicht mehr stundenlang auf dem Boden mit Playmobil spielen zu müssen. Und ich bin froh, dass sie nicht mehr so viel Betreuung brauchen. Dass ich mit Franz-Stefan mal sitzen kann und auch tagsüber reden, wenn die Kinder spielen. Das ist gut für mich, ja.“

Wie es Maria-Theresia heute bei der Einschulung auf dieses Gespräch hinauf geht und welche Themen sie sonst noch beschäftigen, erfahren wir alle, wenn sie das nächste Mal in Therapie kommt. In vier Wochen erzähle ich wieder von ihr. 

 

Himmelwärts

22. Mai 2017

birch-2300857_1280Am Donnerstag ist das Fest Christi Himmelfahrt. Die meisten von uns denken: einer der freien Donnerstage im Frühling. Gut, ein verlängertes Wochenende. Ich möchte es als Anlass verwenden, mit Ihnen über den „Himmel“ nachzudenken.

Glauben wir (noch) an einen Himmel?

Und wenn, ist der oben, unten, innen, außen?

Und was ist das, was wir für das Gegenteil davon halten? Viele werden antworten, die Hölle. Ja, das haben wir vielleicht einmal so gelernt. Auch eine gute Frage: 

Glauben wir (noch) an eine Hölle?

Und wenn, wo ist die: unten, oben, außen, innen?

Oder ist das Gegenteil davon Erde, irdisches Leben, Boden unter den Füßen, Realität? Das alles ist etwas leichter: wir müssen nicht an die Erde glauben, die erleben wir täglich. Dinge fallen hinunter, Richtung Erdmittelpunkt. Wir stehen auf dem Boden. Das irdische Leben ist unser Alltag. Die Realität ist das, womit wir klar kommen müssen.

Himmel – was ist das für Sie?couple-2308244_1280

Wenn es den gibt, wo ist der? Wie erleben Sie ihn? Kommt er erst oder ist er schon da?
Immer? Immer wieder? Niemals in diesem
Leben?

Wer oder was bringt sie in den „siebten Himmel“?

(Und wer oder was in den 1. bis 6. Himmel?) Das kann viel sein, erlauben Sie sich, da ganz offen zu sein: ein Mensch, eine Situation, ein Fußballtor, gute Musik, eine gelungene Arbeit, eine Versöhnungsgeste, ein Geschenk, ein Tag am Wasser.

Wir können Himmel auf der Erde erleben, wir können uns den Himmel, falls es einen nach diesem Leben gibt, auch nur mit irdischen Vorstellungen ausmalen. Aber das macht nichts. Himmel kann jetzt sein, immer wieder, wenn auch immer nur stückweise.

Gönnen Sie sich immer wieder Augenblicke des Himmels – Sie haben ihn verdient!

 

Sorglosigkeit – Zuversicht

6. März 2017

confidence-589037_1280

Kurt erzählt von seinen Nächten: er macht sich Sorgen. Über seine Gesundheit. Über seine Beziehung. Über seine Kinder . Über seine berufliche Zukunft. Über die politische Situation. Darüber, dass er nicht ausgeschlafen sein wird, wenn er nicht genug schläft. Dass er, unausgeschlafen, nicht so leistungsfähig sein wird wie er sollte….

Das geht lange so, stundenlang manchmal. Wenn er ist der Früh aufsteht, fühlt er sich gerädert, müder als am Vorabend, und nur mit Mühe kommt er auf. Dann schleppt er sich durch den Tag, und viele seiner Befürchtungen treten ein: er ist weniger achtsam, fühlt sich ausgelaugt und wenig aufnahmefähig.

Was geht in den nächsten 60 Minuten?

checklist-1766064_1280Aber wir sollten uns immer nur mit den Dingen beschäftigen, bei denen wir innerhalb der nächsten Stunde eine Veränderung herbeiführen können (langfristige Planungen mit konkreten Inhalten sind davon ausgenommen). 

Was genau kann ich jetzt sofort ändern? Woran kann ich heute noch arbeiten? Alle anderen Dinge belasten nur und bringen nichts außer schlaflosen Nächten (mit denen wir uns ein anderes Mal beschäftigen werden, versprochen). Alles, was ich gleich in Angriff nehmen kann, ist gut. Auch, wenn es nur kleine Schritte sind. Dann darf ich drüber nachdenken – und auch Taten setzen.

Setzen Sie eine Handlung!

Fragen Sie sich: kann ich jetzt etwas ändern? Was genau kann ich jetzt tun? Können Sie innerhalb der nächsten 60 Minuten etwas machen, damit Sie beruflich vorankommen, gesund bleiben oder Ihre Beziehung verbessern? Wenn Ihnen dazu etwas einfällt – dann setzen Sie eine Handlung: lesen Sie eine Studie zu Ihrem beruflichen Thema, stehen Sie auf und machen Sie einen Spaziergang, reden Sie mit IhreR PartnerIn, schreiben Sie Tagebuch.

unsure-315080_1280Der Rest muss warten.

Alle Dinge aber, die Sie jetzt nicht ändern können, denen geben Sie keinen Platz in Ihrem Kopf. Es hat keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, wenn Sie keine Konsequenzen daraus ziehen können.

Schlafen Sie, mehr können Sie im Moment nicht tun. Und brauchen Sie auch nicht. Oft ist das Beste, was Sie tun können, sich umzudrehen, den Sorgen eine gute Nacht zu wünschen und zu schlafen. Dann sind Sie, was auch immer morgen kommen wird, was auch immer die Zukunft bringt, wenigstens gut ausgeruht und in der Lage, sich mit den Problemen des Tages zu beschäftigen.

 

 

Panikattaken: wenn alles eng wird

27. Februar 2017

the-offence-2048413_1280Es gibt Ängste: sich Sorgen machen, viel nachdenken oder grübeln, alles zu planen versuchen, stundenlang über das nachdenken, was gewesen ist, was man gesagt hat.

Aber es gibt auch Panikattacken: ganz plötzlich, völlig unvorbereitet wird einem heiß oder kalt, alles wird eng, die Luft bleibt einem weg, das Herz rast und die Hände zittern. Die Angst (vor dem Sterben) frisst sich durch das Gehirn, gegen alle gute Einsicht. Man will ins Freie, weil man keine Luft bekommt oder wieder hinein, weil man in Sicherheit sein will. Man ruft den Notarzt, geht in die Notaufnahme – und die beruhigen einen: es ist nichts (Organisches): man hat eine Panikattacke.

Damit sind Sie nicht alleine: wenn Sie in der U-Bahn oder einem Flugzeug sind – zählen Sie bis 5, ja, der Mensch dort drüben hat im Moment die gleichen Gefühle wie Sie. Wenn Sie im Lift fahren, schauen Sie sich unauffällig um – eineR der MitfahrerInnen fühlt sich vermutlich genauso unwohl wie Sie. Wenn Sie in einer Schlange anstehen, machen Sie das auch – es ist sehr verbreitet. Sie sind nicht alleine, und man sieht es Ihnen vermutlich genauso wenig an wie den anderen.

Atmen Sie.

IMG_2437Denken Sie an eine beruhigende Szene: ein weißes Zimmer, eine weite Wiese, eine kuschelige Höhle, ein Meeresufer, ein Berggipfel (das sind Beispiele von meinen KlientInnen).

Warten Sie, atmen Sie.

Vermeiden Sie, andere Situationen derselben Art zu erinnern, das verlängert die Situation nur. Bleiben Sie ganz hier, ganz jetzt: nur diese einzige Panikattacke zählt jetzt.

Atmen Sie „im Viereck“:

Stellen Sie sich ein Viereck vor und atmen Sie: entlang der Längsseite (4 Takte einatmen), dann hinauf (2 Tage Luft anhalten), die obere Längsseite zurück (4 Takte ausatmen), die kurze Seite herunter (2 Takte Luft anhalten). Machen Sie das, bis es leichter wird. Nichts anderes: atmen und zählen. 

Jede Attacke dauert nur ein paar Minuten.

Die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, ich weiß. Aber es nicht sind. Nie. Es geht vorüber. Immer.

Und man stirbt daran nicht.

Wenn Sie das öfter haben, bitte holen Sie sich Hilfe. Es gibt wirklich gute Techniken, wie Sie lernen können, damit fertig zu werden, bzw wie es dazu kommt, dass Sie immer wieder in diese Situationen kommen. Ich habe mit vielen Menschen erfolgreich gearbeitet, die Panikzustände hatten, und den allermeisten geht es heute nicht mehr so. Reden Sie mit mir, machen Sie einen Termin aus, so soll das Leben nicht sein!