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Beziehungs-ABC: U wie Unbesprochenes und Unbestrittenes

8. April 2019

U wie Unbesprochenes und Unbestrittenes

Wie verführerisch ist es doch, einfach „um des lieben Frieden willens“ nichts zu sagen, sich seinen Teil zu denken, nicht „unnötig einen Streit vom Zaun zu brechen“, die Dinge lieber unter den Teppich zu kehren, in der Hoffnung, dass sie von alleine verschwinden werden.

Damit wir uns richtig verstehen: ich bin durchaus auch der Meinung, dass nicht jeder Gedanke ausgesprochen sein muss, dass es manchmal klug ist, für den Moment nichts zu sagen, in der Erwartung, dass die Emotion, die man gerade hat, wieder vorbeigehen wird – denn das geschieht sehr oft, und dann ist es auch gut so.


Aber es gibt auch viele Themen, die angesprochen werden müssen, damit sie nicht als unausgesprochene Belastung zwischen uns hängen bleiben. Damit sie nicht bei nächster Gelegenheit als Waffe verwendet werden („immer bist du so, erst letztens hast du …!“) oder als Verletzung auf der Seele liegen bleiben. Diese Gespräche sind niemals einfach, und sie nicht zu einem Streit werden zu lassen, ist eine hohe Kunst. Aber selbst, wenn uns das nicht gelingt, und wir doch streiten – besser so, als sie liegen uns auf der Seele (und im Magen). Was nicht ausgesprochen wurde (und noch immer weh tut), ist wie eine Tretmine in der Beziehung. Und wenn man viele dieser gefährlichen Themen hat, dann erlahmt das Gespräch irgendwann, weil es dann das reinste Minenfeld wäre – und wer macht das schon freiwillig?

Wie kann das gelingen? Wir haben in der ganzen ABC-Reihe schon immer wieder die Grundzüge eines guten Gespräches aufgezeigt: es geht darum, die andere Person nicht dafür zu beschuldigen, dass sie so ist, wie sie ist, sondern gemeinsam einen Weg zu finden, mit den Unterschieden zwischen uns beiden umzugehen. Es wäre immer einfacher, wenn sich der/die Andere ändert – schon wäre ich mein Problem los. Aber das würde ja umgekehrt auch bedeuten, dass ich mich entsprechend der Wünsche meiner PartnerIn verändern müsste – und das geht doch gar nicht, oder?

Also: „Du darfst sein, wie du bist, und ich darf sein, wie ich bin.“ Wie finden wir einen Weg, mit den Unterschieden umzugehen? Wenn mich etwas an meinem Mann stört, dann habe ich ein Problem, und nicht er. Denn bloß weil es nicht so geht, wie ich mir das vorgestellt habe, ist das noch lange kein Grund, dass mein Partner sich ändern muss. Ich kann doch genauso gut meine Vorstellung ändern. Aber es muss wechselseitig sein: ich will auch gerne, dass er sich seine Probleme behält und nicht mir umhängt…

Und wenn wir diesen – meist unangenehmen – Gesprächen nicht aus dem Weg gehen, sondern uns mutig einander zumuten, wenn wir jedeR für sich versuchen, unsere Probleme zu lösen und einen guten Weg miteinander zu finden, dann wird das Unbesprochene /Unbestrittene sich auflösen und weder beim nächsten Streit als Waffe eingesetzt werden, noch länger auf unserer Seele als Verwundung liegen. Sie sehen also: es zahlt sich aus, sich diese Mühe zu machen. Am Schluss, wenn es uns gelungen ist, werden wir zu einer tieferen Intimität und eine größeren Vertrautheit, zu einer schöneren Liebe finden.

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