Posts Tagged ‘Posttraumatische Belastungsstörung’

Paris 13.11.15 – Angst ist ein schlechter Ratgeber!

14. November 2015

soldier-733602_1920Der Terrroranschlag in Paris erschüttert mich: So viele Menschen, die betroffen sind. So viele Tote, so viele Verletzte. Aber vor allem:

So viele, die Angst haben!

Was wird das für uns alle bedeuten? Was werden Menschen aufgrund dieser Angst machen? Und was werden andere Menschen aus dieser Angst machen? Was werden sie sagen, anbieten? (Scheinbare) Sicherheit durch verhärtete Politik?

Was macht das mit uns allen?

Ich habe auch Angst. Angst, weil sich nicht vorhersehen lässt, was das alles auslösen wird. Angst vor dem Populismus, der das ausnützt. Der die Angst ausnützt, der Menschen ausnutzt.

Europa hat es gerade sowieso nicht leicht: Wirtschaft schwierig, Flüchtende, Asylpolitik. Und damit sind sowieso, wir haben es in den letzten Wochen jeden Tag in der Zeitung gelesen, die Herzen härter geworden.

Lasst die Angst nicht gewinnen!

Jemand hat eine Werteschulung gefordert. Gute Idee! Ich frage mich nur, wer diese mehr braucht: die anderen, die zu uns kommen oder wir, die wir sie aufnehmen (oder eben nicht).

terrorist-attacks-1042871_1920Ich weiß nicht, was das für Folgen hat, ich weiß nicht, wie es weitergehen wird mit Europa, mit der Welt. Wir haben alle Angst. Aber Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Aus der Angst heraus reagieren wir nicht mit dem Teil unseres Gehirns, der sich um die Auswirkungen unseres Handelns kümmert, der überlegen kann, was gut, sinnvoll und wertvoll ist.

Über Angst kann man reden, dann wird sie überschaubarer. Miteinander im Gespräch zu bleiben ist vielleicht das Beste, was wir tun können. Ich lade Sie ein, das zu tun. Sprechen Sie über Ihre Angst, aber auch über das, was Sie tun können. Für sich, für andere, für Menschen in Not, für Europa, für die Welt. Es gibt eine Lösung, auch wenn wir sie noch nicht kennen. Alleine zu bleiben und extreme Positionen einzunehmen ist auf keinen Fall ein Ausweg. Reden Sie mit Ihrer Familie, Ihren Freunden, oder auch mit mir, wenn Sie mögen.

Angst ist ein Ausgangspunkt, kein Ende.

Angst gibt es überall. Aber sie ist ein Anfang, ein Auftrag. Paris hat unser Mitgefühl. Von diesem Punkt aus geht es weiter. Wieder aufeinander zu. Nur so können wir unsere vielgeliebten Werte halten.

Das Miteinander macht uns zu Menschen, nicht das Gegeneinander!

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Leben vor dem Tod 3 oder Tiefe Dankbarkeit

17. April 2015

IMG_6468Ich hatte ja nicht vor, einen Eintrag zu „Leben vor dem Tod 3“ zu machen. Aber das Leben hat mich dazu gebracht:

Ich war im März für 10 Tage in der Südtürkei, wo ich mit syrischen Flüchtlingen gearbeitet habe. Das sind Menschen, die von zuhause geflüchtet sind, weil sie unter dem Krieg, dem Bombardement und dem Geheimdienst gelitten haben. Viele von ihnen haben Familienangehörige oder Freunde verloren, alle ihre Heimat und das Leben vor dem Krieg. Sie sind von zuhause weggegangen, alle nicht freiwillig, und dort, wo sie jetzt sind, sind sie nicht willkommen. Auch hier erleben sie wieder Gewalt und Angst, Unterdrückung und Ausbeutung: sie haben keine Arbeit oder werden nicht/kaum dafür bezahlt, sie sind BürgerInnen zweiter Klasse, bei Auffälligkeiten werden sie abgeschoben.

Und sie reagieren darauf so, wie das Menschen machen, die in so einer Situation sind: sie rücken ein Stück näher zusammen, versuchen sich, durch Tradition und/oder Religion in ihrer Identität zu stärken. Was die Integration schwer macht, von beiden Seiten.

Ich war nicht dort, um bei der Integration zu helfen, aber das ist mir aufgefallen. Ich weiß keine Lösung, aber sie muss von beiden Seiten kommen.

Ich war dort, um Menschen auszubilden, die als TraumaberaterInnen arbeiten können. Mit einer Kollegin haben wir zum Teil theoretisch ausgebildet, zum Teil in Einzelarbeit mit den Menschen gesprochen. Die Geschichten, die ich gehört habe, haben mich sehr betroffen gemacht. Und sehr dankbar für die Situation, in der wir uns hier in Österreich befinden:

  • wir können leben ohne Angst vor einer Bombe oder einem Scharfschützen haben zu müssen
  • wir können auf der Strasse gehen ohne von Gewalt bedroht zu werden
  • wir sind reich, selbst wenn wir keine Arbeit finden, bekommen wir genug Geld, um davon leben zu können
  • wir sind reich: wir haben so viel Platz, wir müssen uns nicht zu zehnt eine Zweizimmerwohnung teilen
  • wir haben eine Polizei und ein Rechtssystem, das ziemlich gut funktioniert, auf das wir uns mehr oder weniger verlassen können
  • wir dürfen uns unsere Religion und Weltanschauung aussuchen
  • wir müssen als Frauen kein Kopftuch tragen oder auf die Erlaubnis von einem Mann warten, wenn wir Entscheidungen treffen wollen
  • wir haben so viele Wahlmöglichkeiten!

Ich habe viel aus dieser Arbeit mitgenommen, aber vor allem diese Dankbarkeit! Es geht uns so gut, und wir vergessen oft einfach darauf. Das bedeutet nicht, dass wir nicht weiter unter dem leiden dürfen, was uns fehlt oder weh tut, es bedeutet nur, dass wir manchmal auch an das denken dürfen, was wir für selbstverständlich annehmen, es aber nicht ist. in vielen Teilen der Welt nicht selbstverständlich ist. Und es ist nicht unser Verdienst, dass wir ausgerechnet hier geboren wurden, in diesem guten Teil der Welt!

Danke, Leben!

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Leben vor dem Tod!

31. März 2015

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Sabine hat eine wirklich schwere Geschichte: in der Kindheit erlebte sie körperliche und seelische Gewalt, sie wurde emotional vernachlässigt und auch sexuell missbraucht von einem Nachbarn. Sie wurde in der Lehrzeit ausgenutzt und als sie der Enge und Gewalt des Elternhauses entfliehen wollte, kam sie in eine Ehe, in der die Gewalt weiterging. Nach vielen Jahren der Unterdrückung und Demütigung trennte sie sich von ihrem Mann, lebte in einer kleinen Wohnung, hatte Angstzustände und verübte schließlich einen Selbsttötungsversuch. Sie wurde gefunden und ins LSF gebracht, wo sie einige Wochen stationär behandelt wurde. In der Psychotherapie dort war es ihr erstmals möglich, über ihre Erlebnisse zu sprechen, und ihr Therapeut empfahl ihr, eine Traumatherapie zu machen.

So kam sie zu mir.

Sie hatte neben einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung und einer Depression auch noch diverse psychosomatische Probleme: sie hatte häufig Kopfweh, Schmerzen im Bewegungsapparat, Magengeschwüre und Schlafstörungen. Sie war immer in Spannung, weil sie ständig versuchte, das Alte hinter sich zu lassen. Jemandem zu vertrauen fiel ihr schwer, was aus ihrer Geschichte mehr als verständlich war.

In der Therapie arbeiteten wir zuerst daran, Stabilität in ihr Leben zu bekommen. Sabine lernte, zu erkennen, wann sie so sehr unter Druck geriet, dass sie sich etwas antun wollte, und sie lernte Methoden, sich zu beruhigen. Besonders hilfreich waren für sie Atemübungen sowie Entspannungs-CDs. In der Zeit der Therapie war sie zwei Mal stationär im Krankenhaus, weil sie sonst keinen Ausweg mehr fand. Sabine fand Arbeit in einer Betreuungseinheit für Menschen mit psychischen Problemen, sie ging dreimal pro Woche hin und begann vorsichtig, Kontakte zu knüpfen. Wir übten in den Sitzungen, wie sie Menschen ansprechen, wie sie sich aber auch wieder aus einem Gespräch zurückziehen konnte. Mit ihren körperlichen Symptomen lernte sie, besser vertraut zu werden, sie bemerkte früher, wann es für sie zu viel war, wann sie Pausen einlegen musste bzw. wann sie sich Hilfe holen durfte. Sie begann, regelmäßig spazieren zu gehen und Rad zu fahren, sie ernährte sich gesünder, kochte auch regelmäßiger. Sie grenzte sich gegen ihre Mutter und ihre Schwester, die beide sehr fordernd waren, ab und lernte, Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht wollte. Sie tat wieder mehr Dinge, die ihr gut taten, nahm Kontakt zu ihrer Nachbarin auf, und gegen Ende der Therapie traf sie sich gelegentlich mit einem Mann, den sie kennengelernt hatte.

Im Laufe der Therapie war ein wichtiger Bestandteil, dass Sabine sich ihrem inneren, verletzten Kind zuwandte, dafür sorgte, dass es alles hatte, was es brauchte und später auch über seine Erfahrungen erzählen konnte. Wir konnten über die Ereignisse sprechen, und dabei waren wir immer darauf bedacht, dass die Gefühle von damals nicht mehr aufkamen sondern das innere Kind gut versorgt “aus der Ferne” zuschauen konnte. Danach nahm Sabine das Kind in ihr Heute mit, “zeigte” ihr ihre momentane Situation, damit das Kind sehen konnte, dass sie jetzt in Sicherheit war, dass also alles gut ausgegangen war. Sabine war etwas über 2,5 Jahre bei mir, mit Pausen, in denen sie im Krankenhaus war. Es geht ihr jetzt viel besser, sie hat keine Depressionen oder Suizid-gedanken mehr, sie hat mehr Kontakt zu Freunden, übt ihre Hobbies gerne aus und hat wieder Freude am Leben.

Leben auch Sie VOR dem Tod!

Hier finden Sie weitere Themen, mit denen Sie zu mir kommen können.