Ein gutes Jahr: Klarheit 2021

Wir hätten gerne, dass die Dinge klar sind: Worum geht es? Wer macht es? Wie lange dauert es? Was kostet es? Wohin soll es gehen? Warum machen wir etwas? Ist die Person, die es angeordnet hat, wirklich zuständig? Ist die Person, die es ausführen soll, dafür kompetent? Wird es den gewünschten Erfolg haben?

Aber nicht nur im wirtschaftlichen, öffentlichen Bereich gilt das, auch im persönlichen Bereich ist oft so viel unklar: Sind wir (schon/noch) zusammen? Liebst du mich? Kann ich dir trauen? Kann ich mich dir anvertrauen? Kannst du ein Geheimnis bewahren? Wird unser Kind gesund/glücklich/zufrieden sein? Werden sich meine Sehnsüchte erfüllen?

Es ist wichtig für uns, dass wir uns auskennen, denn nur so scheint es uns möglich, die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft zu planen. Erst, wenn wir wissen, woran wir sind, können wir einen Weg planen. Auch bei einer Wanderung muss man ja wissen, wo man gerade ist, um zu planen, wie man weitergehen soll.

Aber das Leben ist leider nie so. Immer wieder kommt alles ganz anders als wir dachten, immer wieder werden wir überrascht, „kalt erwischt“ von den Ereignissen des Lebens. Ich persönlich habe mich schon vor so vielen Dinge gefürchtet, die nie eingetreten sind – und vor so vielen Dingen gar nicht, die mich aber dann völlig aus der Bahn geworfen haben.

Nebenbei bemerkt: Wenn wir etwas aus Corona lernen konnten, dann das: die wahrhaft schwierigen Dinge sehen wir niemals kommen, denn wir können sie uns gar nicht vorstellen. Corona hat sichtbar gemacht, dass das Leben überhaupt nicht vorhersehbar agiert…!

Ich lebe in der Nähe eines Platzes, bei dem es ein Labyrinth gibt: Steine sind im Gras ausgelegt, die den Weg weisen. Ich bin diesen Weg schon oft gegangen, ich mag das meditative Gehen, das mich ins Innere führt. (Es ist kein Irrgarten, bei dem man den Weg selbst finden muss, sondern wenn man auf dem Weg bleibt, kommt man verlässlich ins Zentrum).

Da ich das Labyrinth gut kenne, versuche ich gelegentlich, es mit geschlossenen Augen zu gehen: Die Füße tasten nach dem Weg, der ja nicht falsch sein kann.

Und dennoch: ich habe es noch kein einziges Mal geschafft, wirklich mit geschlossenen Augen durchzugehen. Jedes Mal verliere ich bei den vielen Drehungen irgendwann die Orientierung und denke: „Es muss doch hier weitergehen“. Aber da sind Steine, und die Füße finden den Weg einfach nicht. Dann bin ich überzeugt, dass ich unabsichtlich irgendwo über eine Grenze gestiegen bin oder gar nicht mehr innerhalb des Weges bin. Ich muss dann die Augen öffnen und nachschauen, und dabei draufkommen, dass ich eh richtig war, nur die Sicherheit verloren hatte.

Ich finde, das trifft unser Leben sehr gut: Wir haben keine Ahnung, wo es hingehen wird, manchmal haben wir das Gefühl, hier kann es gar nicht weitergehen, wir fühlen uns verloren – und haben dabei doch immer die Sehnsucht, am Ziel anzukommen.

Es ist verwirrend, dieses Leben, und Klarheit ist ein Luxus, den es uns nur selten gewährt. Wir müssen das Leben vorwärts leben und rückwärts erst sind wir in der Lage, es zu verstehen. Und dennoch: Es ist gut, dieses Leben, denn es gibt niemals auf. Es geht immer weiter, und im Nachhinein wird uns oft klar, dass es eine gute Entscheidung war, die das Leben für uns getroffen hat.

Wenn man mich fragt, wie man sich entscheiden soll (angesichts der Unvorhersehbarkeit des Lebens), sage ich immer: Egal wie, Hauptsache beherzt!

Wir sehen ein paar Schritte weit in die Zukunft, das ist das Einzige, was wir wissen, und nur mit diesen Informationen können wir Entscheidungen treffen. (Denn Entscheidungen hinauszuschieben ist auch eine Entscheidung.)

Eine Klarheit haben wir im Leben: es geht immer weiter. Manchmal schleppend, manchmal hüpfend – immer aber geht es weiter. Wir müssen nur „im Sattel“ bleiben, mitmachen und uns überraschen lassen, was es für uns vorhat.

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