Sommerreihe 2018: nach Lust und Laune 7: A wie Angst

13. August 2018

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A wie Angst

 

Wenden wir uns nun im 2. Teil einigen speziellen Launen zu, und beginnen wir bei der Angst. Angst ist sicherlich ein sehr unangenehmes Gefühl, aber es ist auch dasjenige, das uns am Leben und gesund erhält. Stellen Sie sich nur einmal vor, wir hätten keine Angst vor den gefährlichen Dingen – das wäre wirklich lebensgefährlich!
Allerdings übertreibt die Angst auch gelegentlich: nicht alles, wovor man sich fürchtet, ist auch wirklich bedrohlich! Um nun das Gefährliche vom Ungefährlichen zu unterscheiden brauchen wir unsere Vernunft, das kann der Gefühlsteil des Gehirns nicht leisten. Wir dürfen herausfinden, was die Vernunft zu einer Situation sagt (Risikoabschätzung, Gefahrenbeurteilung), das ist wichtig für eine ordentliche und sinnvolle Verhandlung, wie ich Sie Ihnen letzte Woche vorgestellt habe.
Dann machen Sie es so, wie Sie es schon geübt haben: erst einmal atmen und warten (und dabei den Angst-Dino nicht füttern), indem Sie sich sagen: Ich habe gerade jetzt vor dieser speziellen Sache Angst. Atmen und warten Sie, bis das Gefühl der Bedrohung kleiner geworden ist. Und dann gehen Sie in Verhandlungen: „Es fühlt sich gefährlich an, UND meine Vernunft teilt mir mit, dass es durchaus Menschen gibt, die so eine Situation schon unbeschadet überlebt haben.“
Wenn es Ihnen gelingt, ist es immer eine gute Ideen, das mit einer Prise Humor zu spicken, in der Sie den „Dino“ mit einem Augenzwinkern zulächeln. (Wenn ich zB alleine in einem See schwimme, ist mir manchmal unheimlich, wenn die Fische springen, dann beruhige ich mich mit der Tatsache, dass mir wenig Angriffe von Kampf- oder Killerkarpfen in österreichischen Seen bekannt sind.)
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Experiment 7: die Angst beruhigen
Gehen Sie mit Ihren Ängsten freundlich um, die wollen Ihnen nur Ihr Leben oder Ihre Gesundheit sichern, aber erlauben Sie ihnen trotzdem nicht, die „Weltherrschaft zu erlangen“. Die Angst will nämlich gerne JEDES Risiko ausschließen, aber  das kann nicht gelingen, denn Leben ist schon einmal lebensgefährlich. Das Ziel kann nur sein, ein vertretbares Risiko einzugehen und nicht JEDES zu vermeiden.
Alle Menschen sterben erst an ihrem letzten Tag und keinen Tag früher! Das bedeutet: die meisten Tage unseres Lebens beenden wir durchaus lebendig. Nehmen Sie sich also freundlich in den Arm, wenn Sie sich das nächste Mal fürchten und geben Sie der Angst einen Platz, aber nicht mehr, als ihr hier und heute zusteht!
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Sommerreihe 2018: nach Lust und Laune 6: Seelen-Diplomatie

6. August 2018
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Seelen-Diplomatie
Wenn wir in den letzten Wochen gehört haben, dass wir keine Chance gegen unsere Gefühle haben, dass wir weder steuern können, wann sie auftreten noch was sie herbeilockt sondern höchstens, wie lange sie bleiben, dann lässt uns das vielleicht etwas ratlos zurück.
Deshalb heute die gute Nachricht: wir können sehr wohl mit unseren Gefühlen verhandeln! Nur eben nicht, wenn sie uns wie eine Welle überschwemmen wollen. Nur die starken, heftigen Emotionen sind Dinosaurier, die anderen sind durchaus zu Verhandlungen bereit.
Dabei muss man aber immer die Grundbegriffe der Diplomatie im Auge behalten: erst einmal beide Seiten verstehen und ihnen Recht geben. Denn die Angst hat dasselbe Recht, in mir aufzutreten wie die Vernunft, die sagt, dass es keineswegs lebensbedrohlich ist, in der Firma einmal Nein zu sagen.
Also: es gibt diese beiden Seiten in mir, die beide Recht haben, und es gibt eine innere BeobachterIn oder VermittlerIn oder RichterIn, die dann alles aushandelt: „Okay, heute schlafen wir aus, dafür stehen wir morgen ganz früh auf und arbeiten die liegengebliebenenen Dinge auf.“ Oder: „Ich versehe prinzipiell, dass ich mir Sorgen mache und erlaube mir das auch, daher kontrolliere ich die Türe noch einmal, aber nach diesem Mal ist es dann Schluss damit und ich glaube mir, dass ich zugesperrt habe.“
Wichtig dabei ist, diesen Verspechen gegeben absolut verlässlich zu sein, damit sich beide Seiten auf diese Deals einlassen und darauf vertrauen können, dass sie ihren Teil auch tatsächlich bekommen. Sonst werden wir vor uns selbst unglaubwürdig, und das wäre schlecht.
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Experiment 6:
Verhandlungsposition
Bitte versuchen Sie diese Woche, solche Verhandlungen mit sich selbst zu führen und sich auch an die Abmachung zu halten, die Sie eingegangen sind. Nehmen Sie beide Seiten ernst und entwerten Sie keine der beiden, sonst kommen Sie nie in eine gute Verhandlungsposition! Viel Spaß bei der inneren Diplomatie, die Sie hier üben!

Sommerreihe 2018: nach Lust und Laune 5: der Kampf der Giganten

30. Juli 2018
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Kampf der Giganten: Gefühle vs. Vernunft
Wir haben Gefühle, die uns über weite Strecken steuern, und wir haben einen Verstand, auf den wir uns gerne verlassen. Wie verhalten sich diese beiden Teile des Gehirns zueinander? Ich habe schon darüber gesprochen, dass Gefühle Dinosaurier sind, weil sie so ein alter Teil unseres Gehirns sind, und dass wir nicht beeinflussen können, wann sie auftreten, wohl aber, dass sie bald wieder verschwinden (atmen und warten).
Heute möchte ich auf das Verhältnis von Vernunft und Emotionen zu sprechen kommen, und dazu noch einmal einen Ausflug nach Jurassic Park machen: dort haben wir gelernt: wenn der Mensch, mit all seiner Vernunft, versucht, den Dino verbal zu beherrschen („sitz, Dino, böser Dino, geh Platz!“), scheint das nicht so gut zu gelingen. Bei einem Kampf gegeneinander gewinnen doch meist die Dinos.
So auch in unserem Hirn: alle Versuche, mit dem Verstand die Gefühle zu kontrollieren, sind ziemlich hoffnungslos: im Zweifelsfall gewinnt immer das Gefühl. Beispiele? „Brauchst ja keine Angst zu haben“, „Jetzt hör endlich auf, traurig zu sein, es ist doch lächerlich“ funktioniert genauso wenig wie „Ich hoffe und freu mich lieber nicht zu früh“ oder „da gibt es nichts zu lachen!“
Beide Teile versuchen meist, den ganzen Platz einzunehmen („ich hab Recht“ – „nein, ich hab aber wirklich Recht“ – „ich bin klüger“ – „aber ich bin älter“ – „du bist blöd“ – „nein, du bist selber blöd“). Regeln Sie das, indem Sie beiden Teilen  Recht geben, aber beiden nicht erlauben, alles zu dominieren. Es geht also darum, diese beiden nebeneinander stehen zu lassen, und beiden ihren Platz zuzugestehen. „Es fühlt sich jetzt gefährlich an, UND ich weiß, es ist nicht so bedrohlich, wie es sich anfühlt.“ Oder: „Ich hoffe, dass etwas eintrifft, UND ich bin mir bewusst, dass es auch anders kommen kann“.
woman-2435605_640Experiment 5:
Dino und Mensch
 
Bitte achten Sie diese Woche darauf, wie oft Sie (oder andere) versuchen, als Mensch gegen „Dinos“ zu kämpfen: wie oft wir versuchen, mittels unseres Verstandes gegen die Launen zu argumentieren. Hören Sie zu, wie diese Formulierungen und Argumente klingen und denken Sie sich andere aus, die zu einem friedlichen Nebeneinanderleben der beiden Gehirnareale führen können. Experimentieren Sie damit, wie es sich anfühlt, wenn sie ihren Gefühlen den Platz zugestehen, den sie einnehmen wollen, ohne ihnen dabei komplett Recht zu geben. Und wie es dem Verstand geht, wenn er seinen Platz verteidigt bekommt, aber auch nicht auf ganzer Front gewinnt.

Sommerreihe 2018: nach Lust und Laune 4: Gefühle sind nicht steuerbar

23. Juli 2018

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Ich nehme an, Sie haben es probiert: atmen und warten. Und ich hoffe, Sie haben herausgefunden, dass es tatsächlich nicht lange dauert, bis eine starke Emotion abklingt. Sie haben erfahren, dass es unsere Entscheidung ist, wie lange uns etwas beschäftigt.
Was wir aber (leider) gar nicht beeinflussen können, ist WAS uns bewegt: WAS uns interessiert, WAS uns ärgert, WAS uns belustigt, WAS uns kränkt oder ängstigt. Selbst wenn wir wollen: das gelingt uns nicht. (Beispiel: wir können uns, so sehr wir uns bemühen, nicht in eine Person verlieben, die noch so nett ist.)
Wir sind da vollkommen machtlos, und andererseits das ist auch eines der Dinge, die wir aneinander interessant finden: das jemand anderer so ganz anders reagiert als wir selbst: dass DU Dinge lustig findest, die MICH langweilen, dass ICH mich für Sachen interessiere und sie mir ganz leicht merke, über die DU noch nicht einmal nachgedacht hast. So können wir voneinander lernen und neue Erfahrungen machen.
Emotionen sind das, was uns unterscheidet. Sie sind das Ergebnis unserer Erfahrungen, bewusster oder unbewusster, und sie sind NICHT steuerbar. (Was in einer Zeit, in der wir alles steuern wollen, eine echter Herausforderung ist!) Es gibt zwar schon Dinge, die viele Menschen gefallen (Videos von Babykatzen), aber das Meiste ist von der eigenen Geschichte abhängig.

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Experiment 4:
WAS bewegt mich?
 
Wenn Sie wollen, achten Sie diese Woche darauf, was Sie bewegt:
– Bei welchen Bildern reagieren Sie mit welchen Gefühlen?
– Welche Aussagen rufen welche Assoziationen in Ihnen hervor?
– Was macht Ihnen Freude?
– Was ärgert Sie?
– Was macht Ihnen Angst?
– Worüber lachen Sie?
Und achten Sie auch auf die Unterschiede, Menschen können manchmal ganz andere Gefühle haben als Sie selbst.
Werten Sie nicht, weder die eigenen Gefühle noch die der anderen – erinnern Sie sich: wir können nicht aussuchen, was uns bewegt!

Sommerreihe 2018: nach Lust und Laune 3: vom richtigen Umgang mit Dinosauriern

16. Juli 2018

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Vom richtigen Umgang mit Dinosauriern:

Nun, ich komme diese Woche noch einmal auf die Dinosaurier zu sprechen und dazu, was das für den Umgang mit Gefühlen bedeutet.
Zurück also zu Jurassic Park. Wer gut aufgepasst hat, weiß: die richtig Bösen sehen nur, wenn man sich bewegt. Man muss ganz still halten und warten, bis der große sabbernde Mund mit den vielen spitzigen Zähnen fertig ist mit der Suche. Sobald man sich bewegt, können sie die Beute wahrnehmen und fressen sie sofort. Da heißt es: atmen und warten. Warten und atmen. Und wenn man das richtig gemacht hat, gehen sie wieder weg.
Genauso ist es mit Gefühlen: sie gehen wieder weg, wenn man sie nicht füttert! Und zwar ziemlich schnell: die meisten Gefühle sind nach 10, maximal 20 Minuten wieder verschwunden.

Stillhalten geht so: atmen und warten. Warten und atmen.
Füttern hingegen geht so: immer neue Argumente suchen, das Gefühl immer neu aufflackern lassen. Besonders gut gelingt das mit Sätzen, die „immer“, „nie“, „schon letzte Woche“ oder ähnliche Elemente enthalten.

Und wir füttern die Gefühle, weil sie sonst so schnell verschwinden würden, und wir gerade erst so richtig schön hineingekommen sind. Denken Sie zB. an den letzten Streit: wie lange hält so ein Streit vor, wenn wir uns auf den aktuellen Anlass konzentrieren würden („Du hast heute – und nur von heute sprechen wir – diese eine Sache getan!“)? Viel besser eignet sich da, auch noch Vergehen aus dem Rucksack zu zaubern, die „immer“, „nie“ oder „schon letzte Woche“ begangen wurden. Es gibt doch in jeder Beziehung noch so viel Unbestrittenes, das auf seine Entdeckung wartet!
Oder ein anderes Beispiel (um auch ein positives zu nennen): wie lange genau lachen Sie über einen Witz? Mehr als 10 Minuten? Eher nicht. Auch da „füttern“ wir die lustige Stimmung mit weiteren Erzählungen, Witzen und Anekdoten. (Aber darüber beklagt sich zum Glück nie jemand 🙂 !)

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Experiment 3:
Warten und atmen oder füttern?

Experimentieren Sie bewusst mit diesen beiden Vorgehensarten: einmal warten und atmen Sie (und dabei  können Sie ruhig das Gefühl konkret benennen zB: „Ich ärgere mich gerade über diese Aussage“, oder: „Dieses Erlebnis macht mich jetzt gerade traurig“). Bitte bleiben Sie mit Ihren Gedanken ausschließlich bei dieser einen Situation. Und dabei atmen Sie und warten, bis „sich der Dino verzogen hat“. Schauen Sie auf die Uhr, um sich selbst zu beweisen, wie schnell das gehen kann.
Die andere Vorgangsweise ist uns meist besser vertraut, aber beobachten Sie trotzdem (im Idealfall an einer angenehmen Situation): was tun Sie alles, damit ein Gefühl bleibt? Wie genau füttern Sie es, was braucht es, um bei Ihnen zu bleiben?
Auch hier wieder: viel Freude beim Entdecken!

Sommerreihe 2018: nach Lust und Laune 2: Launen sind Dinosaurier

9. Juli 2018

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Launen sind Dinosaurier

Wie wir schon letzte Woche bemerkt haben, sind unsere Launen tatsächlich sehr wichtig für uns, auch wenn wir uns dessen oft gar nicht so bewusst sind: wir sind unter ihrem Einfluss Tag und Nacht, in guten wie in schlechten Tagen.
Unsere Gefühle begleiten uns Menschen nämlich schon unendlich lang, viel länger als unsere Großhirnrinde, wo der logische Verstand sitzt. Emotionen hatten auch die Dinosaurier, der Verstand ist im Vergleich dazu sehr, sehr jung, grade mal ein paar 1000 Jahre alt.
Das bedeutet aber auch: der Verstand wird im Zweifelsfall von diesen uralten Teilen des Gehirns gar nicht wirklich ernst genommen, in dem Sinn von: „Du warst Millionen Jahre noch nicht einmal auf der Welt, da habe ich mich schon um unser Überleben gekümmert! Was willst du mir schon erzählen darüber, ob etwas gefährlich, dumm oder unterhaltsam ist! Wenn ich etwas  lustig finde, dann IST es lustig, wenn ich Angst habe, IST es gefährlich – da kannst du argumentieren soviel du willst.“
Gegen Emotionen anzukämpfen ist also in etwa so sinnvoll, wie sich als Mensch mit einem Dino anzulegen. Und wer Jurassic Park gesehen hat, weiß, dass das eher nicht so eine gute Idee ist …
Zum Glück kommen wir in den meisten Fällen gut miteinander klar. Denken Sie nur an die Gefühle, die Ihnen eine Feier bereitet, oder ein Urlaubstag, ein gutes Essen, nette Gesellschaft, etc. Es wird manche Fälle geben, wo Sie sich nicht so ganz einig sind mit Ihrer Laune, aber darüber sprechen wir ein anderes Mal.
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Respekt und Neugierde
 
Denken Sie bitte darüber nach, wie Sie mit einem Dino umgehen würden, wenn Sie einen treffen würden. (Falls Ihnen nichts einfällt: keine Panik, das weiß niemand!)
Auf jeden Fall hätten Sie vermutlich eine von zwei Reaktionen: Respekt und/oder Neugierde. Ich lade Sie ein, mit denselben Reaktionen auf Ihre Launen zuzugehen: einerseits mit Respekt („wow, du passt wirklich gut auf mich auf“) und andererseits mit Neugierde („was machst du jetzt wohl als nächstes?“). Nähern Sie sich Ihren Gefühlen wie einE ForscherIn: offen, sachlich und nicht wertend. Lassen Sie sich von Ihren inneren Dinos überraschen!

Sommerreihe 2018: „nach Lust und Laune“

2. Juli 2018
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 Darf ich vorstellen: die Laune!

childhood-1884281_640Sie hat ja keinen besonders guten Ruf, das muss man schon sagen. Eine Laune zu haben ist nicht so angesehen oder sogar ein bisschen anrüchig, man sollte sie besser unterdrücken, oder wenn schon, dann soll man damit in sein stilles Kämmerchen gehen und sie dort ausleben. (Oder als Frau: bitte keine hormonell bedingten Ausbrüche!) 
Wenn ich „Laune“ google, dann kommt schnell die Einteilung in „gut“ oder „schlecht“. Gute Laune sollte man möglichst haben, hat sie aber anscheinend selten. Schlechte Laune hingegen hat man offenbar öfter oder leichter, darf man aber nicht. („Meine Laune schwankt zwischen Axt und Benzin“ – „Hallo, kleines Muffelmonster“ – „An alle, die noch gute Laune haben: morgen ist Montag.“) und man sollte sie möglichst bald wieder in die gute Laune umtauschen, dazu gibt es etwa 783 „gute Laune“ Kärtchen, Sprüche oder Weisheiten.
Ich lade Sie ein, sich der Laune etwas freundlicher zu nähern. Schließlich basiert fast unser ganzes Leben darauf, und auch die meisten unserer Entscheidungen. („Wenn man etwas kaufen will, dann recherchiert man erst sorgfältig, fragt die FreundInnen und dann kauft man das, was im Geschäft am schönsten ausschaut.“)
Gehen wir also auf die Suche nach unseren Launen und versuchen wir einen Sommer lang, uns mit ihnen anzufreunden!

(Bei allen Vorschlägen, die ich Ihnen im Laufe dieses Sommers machen werde: befolgen Sie sie nur nach Lust und Laune. Nehmen Sie es leicht, es ist ein Spiel, zu dem ich Sie einlade. Wenn Sie keine Lust dazu haben, dann tun Sie es einfach nicht, aber wenn es gerade zu Ihrer Laune passt: herzliche Einladung!
In diesem Sinn: Schönen und launigen Sommer !)

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Üben Sie diese Woche, Ihre Launen einfach einmal zu beobachten: wie geht es Ihnen so im Laufe des Tages? Wie verändern sich Ihre Gefühle, was macht, dass es Ihnen besser geht, oder was verschlechtert Ihre Laune?
Versuchen Sie dabei, respektvoll mit sich umzugehen: alle Launen, alle Gefühle, haben dasselbe Recht, in Ihrem Leben zu sein. Bewerten Sie nicht (gleich / vorschnell / leichtsinnig), was Sie vorfinden – lassen Sie da, was eben schon einmal da ist.
Wenn Sie wollen, führen Sie ein „Tagebuch der Launen“, in dem Sie die aufschreiben und vielleicht auch in Skalen eintragen, wie stark diese Laune heute Vormittag war, wie sie sich gegen Nachmittag verändert hat und was damit am Abend geschehen ist.
Gehen Sie dabei vor wie eine ForscherIn: beobachten Sie sich, wie Sie einen Vogel oder ein physikalisches Experiment beobachten würden: alles ist erlaubt, alles ist möglich. Verändern Sie es nicht, bewerten Sie es nicht (das kommt später sowieso noch). Viel Freude beim Experiment 1!

Time to say goodbye: Marilyn

25. Juni 2018

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Auch in Marilyns Leben hat sich einiges verändert seit dem Beginn der Therapie. John F. wohnt immer noch bei ihr, ist aber dabei, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Ob die beiden in einer Beziehung bleiben, ist im Moment ungewiss. Marilyn weiss selbst nicht, ob sie das will oder nicht – das wird sich wohl dann zeigen, wenn sich die ganze Situation etwas beruhigt hat.

women-3290273_640Insgesamt ist sie sicherer geworden, was ihre eigene Position anbelangt: nicht mehr immer hat alles, was die anderen sagen, auch automatisch für sie Gültigkeit. Sie versteht langsam, dass ihre Abhängigkeit von John F. sie lange daran gehindert hat, eigene Wege zu gehen oder auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Die Geschichte mit dem Zimmer, das sie vor John F. verteidigt hat, hat ihr klar gemacht, wie wichtig es für sie ist, auch in kleinen Dingen zu sich zu stehen.

green-1968590_640Das Überraschende für Viele ist, dass es oft genau die kleinen, beinahe unbedeutenden Dinge sind, die zu Veränderungen führen. Wenn KlientInnen es schaffen, sich in kleinen Dingen für sich selbst einzusetzen (ein anderer Platz am Esstisch, ein unliebsame Verabredung, die man absagt, ein Kleidungsstück, das man sich anzuziehen traut, ein paar Dinge, die man weggibt, …), kann das der Beginn eines Weges sein, der zum Ziel führt. Es sind also meist nicht die großen Veränderungen, die einen Umschwung ausmachen sondern die ganz kleinen, die beinahe zu leicht erscheinen. Aber – wie wir wissen: auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Und besteht aus lauter kleinen Schritten. Oft sind KlientInnen überrascht, wie einfach es ist, wenn sie einmal begonnen haben, diese kleinen Schritte zu setzen.

Auch Marilyn hat viele kleine Schritte gesetzt und deshalb ist sie jetzt dort, wo sie steht. Alles Gute auch dir, Marilyn!

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Time to say goodbye: Maria Theresia

18. Juni 2018

Die 6m hohe Statue am Maria-Theresien-Platz erinnert an die Kaiserin, die in Wien von 1740 bis 1780 regierte, Österreich

Maria Theresia hat in dem vergangenen Jahr hart an sich gearbeitet und ist sehr viel weiter gekommen: sie hat Kontakt mit ihrem inneren Kind aufgenommen, hat es getröstet und versorgt. Das hatte zur Folge, dass sie ihr ständig schlechtes Gewissen in Bezug auf ihre Kinder (wahrscheinlich aufgrund ihrer eigenen kindlichen Sehnsucht nach einem liebevollen Umgang, der auf ihre kindlichen Bedürfnisse Rücksicht nimmt) über weite Strecken aufgeben konnte.

family-1784371_640Daher kann sie jetzt mit ihrer Kindern gelassener und weniger aus der Not heraus umgehen, sondern mehr aus der Freude am Gemeinsamen. Die wenige Zeit, die sich miteinander verbringen, ist von hoher Qualität: jeden Abend sitzt sie am Bett ihrer Kinder und unterhält sich mit ihnen. Endlich hat sie keine Angst mehr, eine schlechte Mutter zu sein und die Kinder zu vernachlässigen.

Auch der Umgang mit ihrem Mann ist besser geworden, sie reden wieder mehr miteinander, gehen spazieren oder tanzen, sie kuscheln und sind zärtlicher. Auch hier: die Zeit, die sie gemeinsam haben, gestalten sie bewusst, und wenn sie einmal Streit haben, schaffen sie es leichter, danach wieder ins Gespräch zu kommen.

In der Arbeit ist sie selbstbewusster, aber hier ist noch einiges zu verbessern: sie lässt sich  nach wie vor recht schnell von ihren männlichen Kollegen verunsichern, wenn diese sehr laut und bestimmt reden. Manche Situationen, die sie an früher erinnern, machen ihr immer noch Angst, aber sie hat immerhin gelernt, ihnen nicht auszuweichen sondern sich mutig zu stellen.team-spirit-2447163_640

Insgesamt ist sie auf einem sehr guten Weg, sie ist freundlicher und liebevoller im Umgang mit sich, ihrer Familie und ihrer Umgebung. Die Therapie wird wohl noch eine Weile dauern, ich schätze einmal so ca. bis zum Ende des Jahres.

Denn eine Therapie muss nie bis zum Ende eines Weges dauern sondern nur so lange, bis sich die Richtung gezeigt hat, in die man in Zukunft gehen will und die ersten Schritte gelungen sind. Ab dann schafft es jedeR alleine. Wenn KlientInnen später wiederkommen, brauchen sie oft nur eine kleine „Auffrischung“ von einer oder zwei Sitzungen, dann geht es wieder ohne Therapie weiter. Es ist für mich immer eine Freude, diesen Richtungswechsel zu beobachten und zusehen zu dürfen, wie Menschen aufblühen und ein befreiteres Leben führen!

In diesem Sinne: alles Gute weiterhin, Maria Theresia!

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Time to say goodbye: Jean-Paul

11. Juni 2018

Francois Perier, Paula Dehelly in " The Jean-Paul

Auch die Therapie von Jean-Paul scheint sich einem (vorläufigen?) Ende zu nähern. Seit er am Land lebt, mit seinem Hund spazieren geht und viel Bewegung macht, ist er wie ausgewechselt: er lebt gerne, er hat Pläne für das Haus, das er gekauft hat und renovieren will, er denkt daran, sich einen alten Traum zu verwirklichen und den Jakobsweg zu gehen, und auch sein Job macht ihn nicht mehr so müde.

ruin-540830_640Die Trennung von Simone war für ihn nicht leicht: er hatte auch seine Zweifel, ob er nicht leichtfertig eine „gute Beziehung“ aufgibt.  Aber es war auch eine Befreiung, nicht immer „mehr vom selben“ machen zu müssen sondern tatsächlich neue Wege zu gehen (statt wie früher immer nur einen weiteren esoterischen Kurs zu machen und sich dabei vorzunehmen, ab jetzt ganz anders zu sein!) Sein Autounfall hat ihm die Kraft gegeben, diese Dinge in die Wege zu leiten und die ersten Schritte zu tun.

Das ist für mich ein Beispiel dafür, wie alles – Angenehmes wie Unangenehmes, Erfreuliches wie Bedrohliches – einen Sinn haben kann, der sich oft erst später zeigt. Jede Krise ist in der Zeit, in der sie da ist, nicht mehr als genau das: eine Krise, und wer auch immer in einer schwierigen Zeit davon anfängt, dass das eine Chance ist, hat gar nichts verstanden. Aber später, wenn sich die Dinge wieder beruhigt haben, kann man mit allen Situationen etwas Sinnvolles anfangen, ist alles eine Chance, sich zu fragen, ob man tatsächlich so leben will wie man es tut oder ob es nicht Zeit ist, etwas zu verändern.

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Jean-Paul hat diese Chance wahrgenommen und es geht ihm so gut wie wir uns beide das zu Beginn unserer Arbeit niemals hätten träumen lassen. Er muss noch einen weiten Weg gehen, aber mit dem Schwung, den er im Moment hat, schaut alles machbar aus. Wenn unsere Seele den Weg gefunden hat, den sich gesucht hat, fühlen wir uns befreit und glücklich – und mehr brauchen wir ja gar nicht.

Alles Gute, Jean-Paul!

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