Archive for September 2017

Frank: I want it my way.

25. September 2017

rage-1541317_1280Als Frank am Donnerstag in die Sitzung kommt, ist er sehr verärgert: gerade hatte er am Telefon Streit mit seiner Freundin, die ihm kurzfristig mitgeteilt hat, dass sie am kommenden Wochenende nicht zu ihm kommen wird. Sie möchte mit ihrer Schwester, die selten Zeit hat, wandern gehen – das Wetter in Salzburg soll gut werden und die Berge locken die beiden.

„Sie hätte mir das bitte etwas früher sagen können: ich habe fix damit gerechnet, dass sie morgen Abend kommt. Ich hab sogar schon eingekauft und eine Veranstaltung herausgesucht, die ich gerne mit ihr besucht hätte. Das kann ich jetzt alles schmeißen. Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre es leichter gewesen. Aber so – das tut man einfach nicht, oder?“

„Ist das nicht vom Wetter abhängig? Das muss man doch auf jeden Fall kurzfristig entscheiden.“

im-right-1458410_640„Ja, eh, aber ich habe mich auf sie gefreut, und jetzt muss ich umplanen. Sie hätte ja schon früher sagen können, dass sie das vorhat. Aber das hat sie nicht gemacht. Stellt mich einfach vor vollendete Tatsachen. Das mag ich nicht. Wenn man einmal in meinem Alter ist, fällt einem das nicht mehr so leicht.“

„War das früher also einfacher? Haben Sie sich damals leichter auf Änderungen einstellen können?“

„Naja, im Grunde genommen nicht. Ich mag es, wenn Menschen sich an das halten, was sie ausgemacht haben. Ich steh auch zu meinem Wort. Versprochen ist versprochen, wie das so schön heißt, oder? Und wenn man dann einfach weggeschoben wird, weil irgend etwas Anderes daher kommt, dann fühlt man sich doch auch nicht gut. Das muss doch jeder verstehen. Auch Barbara. Sie kann doch genauso gut mit ihrer Schwester unter der Woche wandern gehen.“

„Hat sie da frei?“

„Sie kann sich ja frei nehmen, wenn es ihr so wichtig ist.“

Es ist eine Weile still, dann frage ich:

„Wie werden Sie jetzt diesen Streit beenden? Was haben Sie gemeinsam für Methoden entwickelt?“

„Sie wird es einfach machen, das weiß ich. Ich habe keine Chance, dass sie ihre Pläne für mich verändert. Und wir werden halt nicht mehr darüber reden. Das findet sich dann schon wieder.“

„Ist das gut?“costume-1557416_1280

„Nein, aber das einzige, was sinnvoll ist. Vorbei ist vorbei, ich sag immer: Schwamm drüber und ab in die nächste Runde.“


Für den Moment scheint mehr nicht möglich zu sein, aber Frank ist nachdenklich geworden. Wir besprechen noch, wie er sein Wochenende verbringen wird und wann und in welcher Weise er wieder den Kontakt zu Barbara herstellen wird. Er weiß, dass seine aufbrausende Art sie verschreckt hat und will ihr daher vorerst nur SMS schicken. Am Ende der Stunde ist er immerhin ruhiger und kann sich vorstellen, das Wochenende auch ohne seine Freundin angenehm verbringen zu können.

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Marilyn: Manche mögen´s nicht einsam.

18. September 2017

woman-466130_1280Marilyn kommt in die Sitzung, es ist die vierte, die Stunde beginnt daher etwas schleppend – auch Therapie zu machen will gelernt sein.  Aber nach einigen Minuten finden wir ein Thema, über das sie sprechen möchte: die Beziehung mit John F.K. Ich lade sie ein, einfach einmal damit anzufangen, was der aktuelle Stand ist.

„Am Freitag habe ich John F.K wieder einmal getroffen, das erste Mal seit einigen Wochen. Er war sehr hungrig auf mich, der Sex war daher echt großartig. Aber dann wollte ich noch mit ihm zusammen etwas trinken – dafür war dann wieder keine Zeit. Er wollte bald wieder weg, und so war es dann auch.“

„Wie war das für Sie?“


„Naja, es war irgendwie „business as usual“. Er ist dann immer sehr schnell wieder weg. Ich verstehe das ja auch, er hat viel zu tun, sein Beruf ist sehr stressig. Er hat unheimlich viel zu tun. Nächste Woche ist er schon wieder ein paar Tage irgendwo im Mittleren Osten, einen Vertrag abschließen.“

„Ja, aber wie war das für Sie?mural-1331783_1280

„Ich bin es gewöhnt. Und dann muss er ja auch gut aufpassen, dass Jackie, seine Frau, nichts mitbekommt. Die ist sehr eifersüchtig. Schrecklich. Alles kontrolliert sie. Ich würde nie einen Mann so sehr in die Zange nehmen wie sie.“

„Marilyn, ich frage gerne noch einmal: wie ist es Ihnen damit gegangen?


(Sie wird nachdenklich, schaut eine Weile in ihren Schoß und seufzt dann.) „Ich habe mich leer gefühlt, wie so oft. Ich habe ihm dann etwa 10 Nachrichten geschickt, die ersten drei hat er noch gelesen und geantwortet, dass er in einer Besprechung ist. Die restlichen hat er nicht mehr einmal mehr angeschaut. Ich bin die ganze Nacht wach gelegen und habe gehofft, er liest sie doch und antwortet, aber das hat er dann erst am Montag gemacht. Am Montag – drei Tage später! Aber ich weiß schon: oberste Regel: das Wochenende gehört der Familie. So ist das, wenn man die Nebenfrau ist.“

„Klingt bitter.“

„Ist es auch. Gerade am Wochenende bin ich dann oft einsam. Unter der Woche telefonieren wir manchmal, schreiben uns, aber Samstag, Sonntag – Funkstille. Ich hab zum Glück an beiden Tagen gearbeitet, da war ich wenigstens abgelenkt. Aber die Abende sind manchmal echt lang. Ich bin dann mit einer Freundin fort gegangen, aber die ist gerade frisch verliebt und erzählt mir ständig, wie gut es ihr geht, wie toll und superlieb ihr neuer Lover ist – das halte ich nicht so gut aus.“

„Ich bin froh, dass es Ihnen gelungen ist, die Frage nach sich selbst doch zu beantworten. Das scheint Ihnen schwer zu fallen: ich musste drei Mal nachfragen, bis sie über sich selbst gesprochen haben. Die erste Antwort war über John F.K, dann über Jackie, und erst beim dritten Mal habe Sie über Sie selbst gesprochen. Ist Ihnen das aufgefallen?“

Vorragn„Nein, aber Sie haben Recht: ich komme immer am Schluss in dieser Geschichte. Immer kommen erst die beiden und ihre ach so tolle Ehe, die auf keinen Fall scheitern darf wegen der Kinder. Und dann, wenn noch Zeit ist, kommt er zu mir.“

„Ja, sicher, das ist schwer, wenn man die „Affäre“ ist. Aber jetzt gerade war es nicht er, der Sie nicht beachtet hat, sondern Sie selbst. Kennen Sie das sonst auch in Ihrem Leben, dass Sie sich nicht wichtig genug nehmen, dass Sie sich sogar manchmal selbst vergessen?“

Marilyn nickt und wir reden eine Weile darüber, wie es ihr besser gelingen kann, sich selbst mit ihren Gefühlen wahr zu nehmen. Wir überlegen, wie sie sich immer wieder daran erinnern kann und sie nimmt sich vor, sich in der nächsten Zeit irgendwie zu belohnen, wenn es ihr gelingt, ihre eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Dann vereinbaren  wir einen neuen Termin und verabschieden uns von einander.

In der nächsten Folge „Manche mögen´s heiß“  in ein paar Wochen werden wir erfahren,   wie gut es Marilyn gelungen ist, sich wichtiger zu nehmen und welches Belohnungssystem sie sich ausgedacht hat. Halten wir ihr die Daumen, dass sie es immer wieder schafft!

 

Maria-Theresia: Mein „Baby“ kommt in die Schule!

11. September 2017

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Maria-Theresia hat zwei Kinder: Josef ist 9, Marie-Antoinette ist 6 Jahre alt. Josef kommt in die 4. Klasse, Marie-Antoinette wird heute eingeschult. Diese Einschulung, und damit der Abschied vom Kleinkindesalter hat Maria Theresia in den letzten Wochen sehr zu schaffen gemacht: ihre Kinder werden groß!

Auf der anderen Seite freut sie sich darüber, dass die beiden im Hort gut aufgehoben sind – das macht der ganzen Familie das Leben etwas leichter, weil es weniger Aufwand bedeutet. Franz-Stefan ist es, der die beiden meist abholt, da Maria-Theresia um diese Zeit noch in der Arbeit ist. Er kauft dann ein und versorgt die Kinder, zum Essen kommt Maria-Theresia aber meistens heim. Diese gemeinsamen Abendessen genießt sie sehr. Aber das Schulthema plagt sie:
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„Ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit durch die Finger rinnt. Ich kann gar nicht glauben, dass die kleine Marie-Antoinette schon in die Schule kommt. Es fühlt sich so an, als ob ich sie erst gestern geboren hätte.“

„Wie fühlt sich das an? Was für ein Gefühl bekommen Sie dabei?“

„Es macht mich traurig. Weil ich mir vorstelle, dass sich die Kinder immer weiter von mir entfernen. Ich frage mich, ob ich ihnen genug gegeben habe, ob ich nicht etwas versäumt habe. Eines Tages werden sie ausziehen, und ich habe nicht genug Zeit mit ihnen verbracht. Ich habe Angst, dass sie mir das einmal vorwerfen können.“

„Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass sie nichts versäumt haben könnten? Ist es nicht immer so, dass wir einander irgendetwas schuldig bleiben? Ich finde das nicht dramatisch. Was Kinder brauchen, ist nicht, dass wir viel mit ihnen unternehmen, sondern dass sie gut aufgehoben sind und von uns geliebt werden. Und ist Zeit überhaupt eine Einheit, in der Liebe gemessen werden kann?“

„Nein. Wenn ich an unsere Ehe denke, ist sie gut, obwohl wir nicht viel Zeit miteinander haben. Da fühle ich mich geborgen, wenn ich abends an seiner Schulter liegen kann, wenn er meinen Rücken streichelt und wir ein bisschen plaudern können. Das ist für mich Liebe. Und für Franz-Stefan ist es gut, wenn ich ihn kurz berühre, ihn beim Vorbeigehen küsse – da fühlt er sich von mir geliebt. Stimmt: es ist nicht die Länge der Zeit sondern die Intensität.“

grass-2563424_1280„Und die Kinder? Bekommen die genug Intensität – „quality time“, wie das heute heißt? Fühlen sich Ihre Kinder bei Ihnen geborgen, geliebt?“

„Marie-Antoinette will unbedingt groß und unabhängig sein, aber am Abend hat sie es gerne, wenn man sie ins Bett bringt und dann noch eine Zeitlang bei ihr am Bett sitzt und über den Tag plaudert. Und Josef liebt es, wenn er von seinen Abenteuern mit seinen Freunden erzählen kann. Und wenn wir dann seine gefühlten 1000 Fotos anschauen, die er gemacht hat. (Lacht) Ja, denen geht es ziemlich gut. Das stimmt.“

„Jetzt müssen wir uns noch anschauen, wie es Ihnen damit geht, dass die Kinder Sie nicht mehr so brauchen. Wie ist das für Sie?“

„Ach, ich finde das toll. Ich bin nicht so eine Baby-Mama, ich mag gerne, wenn die Kinder alleine ins Auto einsteigen können und sich auch selbst beschäftigen. Ich finde es super, mit den Kindern halbwegs normal reden zu können und nicht mehr stundenlang auf dem Boden mit Playmobil spielen zu müssen. Und ich bin froh, dass sie nicht mehr so viel Betreuung brauchen. Dass ich mit Franz-Stefan mal sitzen kann und auch tagsüber reden, wenn die Kinder spielen. Das ist gut für mich, ja.“

Wie es Maria-Theresia heute bei der Einschulung auf dieses Gespräch hinauf geht und welche Themen sie sonst noch beschäftigen, erfahren wir alle, wenn sie das nächste Mal in Therapie kommt. In vier Wochen erzähle ich wieder von ihr. 

 

Schau in die Therapien: Vorstellung der KandidatInnen.

4. September 2017

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Wie versprochen beginne ich heute meine neue Herbstreihe, bei der ich Sie ein Stück an meiner Arbeit teilnehmen lasse. Ich stelle Ihnen heute die KlientInnen vor, von deren Therapie Sie in den nächsten Wochen etwas erfahren werden. Über jedeN werde ich also ca 1x/ Monat berichten: was in den letzten Wochen Thema war, woran gearbeitet wurde, was jedeN bewegt hat, und auch, was meine Einschätzung des Therapieverlaufs ist. Ich hoffe, Sie können davon für sich selbst etwas gewinnen, und wenn es „nur“ Ihre Neugierde ist, wie eine Therapie (bei anderen) ablaufen kann.

 

Die 6m hohe Statue am Maria-Theresien-Platz erinnert an die Kaiserin, die in Wien von 1740 bis 1780 regierte, Österreich„Nichts fällt schwer, wenn man wahrhaft liebt und seine Pflicht kennt“: Maria-Theresia H.

Maria-Theresia ist eine viel arbeitende Mutter, die versucht, Familie und Haushalt unter einen Nenner zu bekommen. Sie ist 42 Jahre alt und seit 16 Jahren mit Franz-Stefan verheiratet. Sie hat 2 Kinder, Josef und Marie-Antoinette, ihre Familie bedeutet ihr sehr viel. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Abteilungsleiterin einer größeren Firma. Sie muss sich in der harten Männerwelt bewähren, und zB. immer wieder darum kämpfen, dass ihre Entscheidungen durchgesetzt werden. Das hat dazu geführt, dass sie immer wieder mit Panikanfällen zu kämpfen hatte, die allerdings in der letzten Zeit schon beinahe verschwunden sind. Sie ist seit 2 Jahren in Therapie, hat insgesamt 44 Sitzungen gemacht und wird in der nächsten Zeit ihre Therapie vermutlich abschließen.

 

frank-sinatra-1281484_1280„I did it my way“: Frank S.

Frank ist ein ziemlicher Eigenbrötler, und extrem stur: er macht nichts, was ihm nicht passt. Das und seine „leicht skurrile Art“ (Eigendefinition) bringen ihn in Beruf und Privatleben immer wieder  in Schwierigkeiten. Er ist 57 Jahre, war vor langer Zeit einmal verheiratet und hat aus dieser Zeit einen Sohn, mit dem er selten Kontakt hat. Beruflich hat er schon Vieles probiert, sein Hobby ist die Kunst, aber davon kann er nicht leben. Sein Beziehungsleben war ebenso wechselhaft, er hat sehr klare Vorstellungen davon, wie eine Frau zu sein hat. Zur Zeit hat er eine Fernbeziehung mit einer Frau in Salzburg, die seit einem halben Jahr läuft, bisher recht gut. Seine Therapie hat vor dem Sommer begonnen, wir hatten vor dem Urlaub zwei Sitzungen, jetzt geht es also erst richtig los.

 

palm-springs-2183065_1280„Manche mögen´s heiß“: Marilyn M.

Marilyn ist 34 Jahre alt, alleinstehend, „leider“, wie sie sagt. Sie hatte immer schon Probleme mit Beziehungen, im Moment hat sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, der sich nicht für sie entscheidet. Das ist nicht ihre erste Beziehung, alle anderen waren aber ebenfalls eher instabil. Sie ist aussergewöhnlich eifersüchtig und hat Probleme mit ihrem Körper, den sie nicht schön genug findet (im Gegensatz zu der Meinung anderer). Sie verwendet Sexualität als Ersatz für Liebe und ist damit ständig unglücklich.  Sie sucht überall Bestätigung, empfindet aber häufig Ablehnung, die sie oft selbst durch ihre drängende Art zu provozieren scheint. Beruflich ist sie Schauspielerin ohne fixe Anstellung, sie macht Gelegenheitsjobs aller Art. Auch ihre Therapie hat eben erst begonnen.

 


Francois Perier, Paula Dehelly in " The Jean-Paul„Das Sein und das Nichts“: Jean-Paul S.

Jean-Paul ist 44 Jahre, verheiratet, keine Kinder. Er ist schon viele Jahre depressiv, immer wieder mit Suizidgedanken verbunden. Seine Frau Simone ist sehr stark und unabhängig, sie gibt ihm nicht viel Nähe oder Wärme. Er beschäftigt sich stattdessen mit Philosophie und geht zu allen möglichen Selbstfindungskursen, bei denen er meistens der einzige Mann ist. Er fühlt sich leer und sein Leben empfindet er als sinnlos. Sein Beruf ist die Buchhaltung einer mittelgroßen Firma, was er unbefriedigend findet, da er den Eindruck hat, das auch das völlig bedeutungslos ist. Er denkt immer wieder über den Tod nach, auch von der philosophischen oder esoterischen Seite, stellt sich Fragen über ein Leben nach dem Tod, schläft deswegen oft wenig, was seine Depression erst recht steigert. Er ist seit etwa 8 Monaten in Therapie, wir hatten bisher 17 Sitzungen.