Archive for Oktober 2017

Maria Theresia und Franz-Stefan

16. Oktober 2017

Die Einschulung von Marie-Antoinette ist gut gegangen, alle haben sich an den neuen Alltag gewöhnt. Maria Theresia liest weiter jeden Abend eine Geschichte für ihre Kinder, die das immer noch genießen. Ihre Ängste sind kleiner geworden, dass die Kinder sie allzu schnell verlassen können.

Womit möchten Sie sich heute beschäftigen? Wobei kann ich Ihnen helfen?

divorce-2437969_1280Es geht mir um die Beziehung zu Franz-Stefan. Die ist in der letzten Zeit etwas kühler geworden. Er spricht kaum mit mir. Wenn ich heimkomme, sind erst die Kinder auf dem Programm. Das war schon immer so, und das ist auch in Ordnung. Aber wenn dann Ruhe ist, haben wir früher geredet, gemeinsam aufgeräumt oder ferngesehen. Und jetzt: jeder macht seines, und irgendwann gehen wir ins Bett. Nicht einmal das zur selben Zeit manchmal.

Und das ist für Sie …?

Traurig, weil ich mich so alleine gelassen fühle. Als ob er sich darüber ärgern würde, dass ich zur Abteilungsleiterin aufgestiegen bin. Da muss ich natürlich mehr arbeiten, aber das mache ich ja nicht zum Vergnügen.

Sondern? Wofür machen Sie das denn?

Na, für uns doch. Damit wir genug Geld haben, damit wir uns etwas leisten können: einen schönen Urlaub, eine gute Ausbildung für die Kinder. Ich arbeite viel, weil wir unseren Kindern gerne etwas bieten möchten. Und uns auch gelegentlich etwas: ein Essen in einem guten Restaurant, ein bisschen Luxus dann und wann.

Und nicht auch, weil es Ihnen Freude macht? Weil es Ihren Fähigkeiten entspricht?

Working MumJa, natürlich, das auch. Aber darüber haben wir gesprochen, und es ist für uns beide okay. Jedenfalls war es das. Wenn ich mir jetzt anschaue, wie er reagiert, dann frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Wenn ich dann nachdenke, zweifle ich daran, dass er überhaupt irgendwann die Wahrheit sagt.

Also, langsam bitte. Zuerst einmal: wissen Sie genau, dass es eine Strafe ist? Oder nehmen Sie das an?

Na, seit ein paar Monaten ist er so, ungefähr seit ich die Beförderung erhalten habe. Ja, das geht sich ziemlich gut aus.

Aber sicher wissen Sie es nicht? Haben Sie darüber gesprochen? Und wenn ja, was ist denn seine Ansicht?

Direkt gesprochen haben wir nicht, aber das ist ja offensichtlich, oder? (Denkt nach.) Na gut, ich kann ihn ja fragen. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes.

Ich glaube auch dass es gut wäre, das Sie einmal herauszufinden. Nebenbei bemerkt: Ich finde es okay, wenn man Freude hat an der Arbeit, und man braucht das nicht zu verstecken und so tun, als ob man das nur für die Familie macht. Und dann: wie wäre es, wenn Sie gemeinsam wieder nach Ritualen suchen, um den Kontakt zu pflegen? Sie hatten doch schon einmal etwas, oder?

Ja, das hatten sie: es gab wöchentliche Beziehungsgespräche, die beiden sehr gut getan haben. Franz-Stefan, weil er sich dadurch besser gehört gefühlt und Maria Theresia, weil sie sich in gutem Kontakt mit ihrem Mann befunden hat. Sie beschließen, das wieder aufleben zu lassen.

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Manche mögen´s … wertvoll.

9. Oktober 2017

to-reach-2697951_1280Es gibt eine Neuerung in Marilyns Leben: Sie hat in Aussicht, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Nicht als Schauspielerin, das wäre zwar ihr Traum, aber dazu gibt es zu wenig Jobs in diesem Bereich. Sie wird im Verkauf arbeiten, was ihr auch Freude macht. Sie freut sich auf den Kontakt mit den KundInnen, aber wovor sie sich heute sorgt, ist der erste Arbeitstag:

„Ich fürchte mich vor dem Anfangen. Da wird man immer kritisch angeschaut, abgecheckt, und leicht verurteilt. Ich mag das gar nicht. Ich wünschte, ich wäre da cooler. Wenn ich mehr Selbstvertrauen hätte, wäre das viel leichter.“

„Da haben Sie Recht. Was glauben Sie denn, warum Sie so wenig Selbstvertrauen haben?“

prom-1450373_1280„Weil mir immer alle gesagt haben, dass ich zwar schön bin, aber sonst nicht viel kann. Meine Mutter hat oft gesagt: „Aus dir wird nie etwas, du kannst ja nichts“. Und in der Schule war ich auch nie gut. Jetzt bin ich Schauspielerin – das nimmt auch keiner als echten Beruf ernst.“

„Stimmt, das alles macht es schwierig, der Start ist nicht unwichtig. Aber Selbstvertrauen können wir uns nur selbst geben. Sonst würde es ja auch nicht so heißen, oder? Viele Menschen graben sich immer wieder ihr eigenes Selbstwertgefühl ab, indem sie sich und ihre Handlungen nicht wichtig genug nehmen, indem sie sich ständig mit anderen vergleichen – das alles tut niemandem gut.“

„Ja: Selbstliebe! Das habe ich schon gehört, aber das funktioniert bei mir nicht. Ich finde mich einfach nicht besonders gut. Und ich mag nicht so sein, wie ich bin. So unsicher, so ungeduldig, so leicht den Tränen nahe. Ich habe so viele Baustellen in meinem Leben – das kann doch nicht in Ordnung sein.“

„Glauben Sie denn, es gibt Menschen ohne Fehler oder Baustellen?“

„Naja, die anderen schauen schon alle besser aus. Alle schaffen die meisten Dinge in ihren Leben einfach so, ohne sich sehr anstrengen zu müssen. Aber bei mir ist immer alles kompliziert, ständig geht irgendetwas schief. Die Anderen haben ja auch gut funktionierende Beziehungen, die sie einfach gut machen. Bei mir ist das nie so. Ich kann mein Leben zusammenfassen mit: „Nun, das lief nicht wie geplant.“alone-2666433_1280

Wir sprechen ein wenig darüber, wie es gelingen kann, sich selbst mehr zu schätzen und sich weniger zu vergleichen: jeder Mensch hat seine Prioritäten an anderen Stellen, ich zB. könnte mich nur mit einer Frau vergleichen, die genau gleich alt ist wie ich, dieselben Erlebnisse gehabt, die gleichen Filme gesehen und Bücher gelesen hat. Deren Erfahrung sich haargenau mit der meinen deckt – nur die wäre ernsthaft in der Lage, mit mir verglichen zu werden. Da es aber niemanden gibt, die all die Jahre „in meinen Schuhen gegangen“ ist, kann ich mich nur mit mir selbst vergleichen. Und selbst das ist nicht fair: denn ich bin heute eine Andere als gestern.

Ich weiß nicht, wie man sich altersgemäß benimmt

– ich war noch nie in meinem Alter.

 

 

Jean-Paul S: Alles Sein ist Nichts.

2. Oktober 2017

insomnia-1547964_1280Jean-Pauls Woche war nicht so gut, der Herbst ist nicht seine beste Zeit und das schlechte Wetter der letzten Wochen hat sein Übriges getan. Er ist immer müde, seine Schlafstörung ist stärker geworden, und so ist er ständig erschöpft. Das macht sein Leben, das er sowieso schon als langweilig und bedeutungslos empfindet, noch schwerer.

„Ich liege stundenlang wach und höre Simones Schnarchen zu. Ich zähle die Nächte, in denen ich vom Hinlegen bis zum Aufstehen schlafen kann. Ich nehme Schlaftabletten, ohne die geht es gar nicht, und trotzdem ist es so schlecht.“

„Woran denken Sie, wenn Sie so da liegen?“

„Was wohl? Meine Gedanken gehen im Kreis, das reinste Kopfkino. Was ich an meinem Leben ändern soll, damit es besser wird. Was ich alles falsch gemacht habe. Was ich tun kann, damit ich weniger Fehler mache in der Arbeit. Was ich mit Simone tun soll, ob ich ihre Kälte verdiene oder ob ich mich von ihr trennen soll.  Letztens habe ich mir überlegt, ob ich nicht einmal nach Indien fahren soll, um Meditation zu lernen. Vielleicht geht es mir dann besser?

„Klingt nach schlimmen Nächten. Und sehr, sehr langen.“

„Das können Sie laut sagen. Ich würde am liebsten aufstehen und mich ablenken, aber ich erinnere mich immer wieder daran, dass Sie gesagt haben, der Körper erholt sich auch ohne Schlaf, wenn man nur ruhig im Dunkeln liegt. Daran halte ich mich, und es stimmt: dann bin ich tagsüber halbwegs fit für den Beruf.“

„Was sagt Ihre Psychiaterin dazu, dass es Ihnen schlechter geht?“burnout-384080_1280

„Die kennt das schon von den Vorjahren. Ich habe sie gar nicht angerufen. Was soll sie schon tun? Ich nehme meine Medikamente, die sie mir verschrieben hat. Das nächste Mal soll ich in etwa zwei Wochen zu ihr kommen, dann kann ich ihr das auch noch sagen. Das ist früh genug.“

„Müssen wir uns um Sie Sorgen machen, Jean-Paul? Was ist mit Ihren Suizidgedanken in diesen langen Nächten?“

Er zögert eine Weile. „Nein, ich glaube nicht. Es ist noch nicht so schlimm wie letztes Weihnachten, wo ich dann ins Krankenhaus gekommen bin. Ich habe es noch unter Kontrolle. Ans Sterben denke ich schon immer wieder, aber eher distanziert. Mehr philosophisch. Ich bin zwar diese ewige Mühe leid, aber ich werde mich wohl weiter durchquälen.“

„Was ist Ihr Notfallplan? Haben Sie noch den vom letzten Jahr, und ist der noch aktuell?“

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„Ja. Wenn es gefährlich wird, rufe ich die Ärztin an oder gehe in die Ambulanz. Simone weiß auch, dass sie mich hinbringen soll, wenn ich nicht mehr aufstehen kann. Sie fragt mich auch täglich, wann ich in der Früh aufgestanden bin, weil sie das Haus viel früher verlässt als ich. Und wenn ich dann länger im Bett geblieben bin, weil ich in der Nacht nicht geschlafen habe, wird sie ärgerlich und schimpft mit mir. Sicher macht sie sich nur Sorgen, aber ich finde das nervig.“

„Was wäre denn gut?“

„Wenn sie weniger oft fragen würde. Ich kann nicht früher aufstehen, und im Büro ist das kein Thema. Solange ich meine Buchungen mache, ist es egal, um welche Uhrzeit ich das tue. Aber Simone hätte halt gerne, dass wir gemeinsam essen, und das geht sich dann nicht aus. Aber immer wieder schaffe ich es, und dann passt es wieder. Im Moment habe ich nicht die Kraft, mit Simone zu reden, aber das passt schon. Besser als anders: wenn sich niemand um mich kümmern würde, wäre es noch schlechter.“

Schlussbemerkung: Ich mache mir etwas Sorgen um Jean-Paul, aber er verspricht, sich auch bei mir zu melden, wenn es ihm deutlich schlechter gehen sollte. Wir vereinbaren einen Termin in der nächsten Woche, damit der Zeitabstand nicht zu lang wird. Jean-Paul hatte im letzten Jahr eine schlimme Krise, in der er nach einigem Zögern ins Krankenhaus gegangen ist. Dort hat er sich in ca 10 Tagen gut erholen und bessern können. Ich hoffe sehr, dass es dieses Jahr ohne Krise gehen wird.