Ein gutes Jahr: Hingabe 2021

Hingabe bedeutet, sich ohne (allzuviele) Bedingungen für eine Sache einzusetzen. Es bedeutet daher, mit ganzem Herzen bei einer Sache zu sein, zB beim eigenen Leben, bei einem geliebten Menschen oder bei einer Idee / einem Projekt / einem Anliegen, an das man glaubt.

Wir haben – gerade in den letzten zwei Jahren – gelernt, alles irgendwie zu dosieren: unsere Hoffnungen, Erwartungen, Pläne. Alles steht unter dem Vorzeichen „falls es die Situation erlaubt“.

Das war wohl notwendig, aber ich befürchte, dass es uns daran hindert, mit Hingabe an etwas zu glauben, uns wirklich für etwas einzusetzen – weil wir befürchten müssen, dass es schließlich nicht eintreten könnte.

Das ist ein Phänomen, das ich nicht erst seit Corona kenne, sondern es war auch vorher schon da: „Ich freue mich lieber nicht, vielleicht tritt es ja nicht ein / vielleicht bekomme ich es nicht / vielleicht schaffe ich es nicht …“

Ich frage mich immer, wie es Menschen gelingen soll, sich nicht zu freuen, nicht etwas zu erwarten, was sie im Grunde schon erwarten, hoffen, freudig ersehnen. Das stelle ich mir schwer vor, denn Gefühle kann man nicht einfach nicht haben.

Wir sind nicht die HerrscherInnen über unsere Gefühle, wir können sie nicht haben oder nicht haben, wir können sie nur wollen oder nicht wollen, und wir sind nicht verpflichtet, nach ihnen zu handeln.

Das bedeutet, dass wir nicht darüber bestimmen können, was uns gefällt, worauf wir hoffen, was wir lustig finden, wen wir lieben, was uns interessiert oder langweilt. Wir können uns nicht aussuchen, welche Gefühle wir haben, aber wir können sehr wohl darüber entscheiden, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen!

Wir können uns entscheiden, dass wir Gefühle schwierig finden – und wir können sie daher verdrängen, sie für „irrational“ erklären oder ignorieren. Wir können dann mit mehr oder weniger Aufwand ein emotionsloses oder -armes Leben führen.

Oder wir können unsere Gefühle zulassen, sie ertragen oder genießen, ein Leben voller Hochs und Tiefs leben, mit allen Vor- und Nachteilen, die das hat.

Was wir nicht können: nur die angenehmen Gefühle in aller Breite haben und die unangenehmen nicht spüren. Die Türe der Gefühle, sage ich gerne, ist entweder offen, angelehnt oder zu, aber was dann herauskommt, das können wir nicht bestimmen.

Das bedeutet auch, dass wir entweder mit Hingabe leben, und dann die Fülle der Emotionen erleben, oder dosiert, gebremst, gezügelt.

Verstehen Sie mich richtig: beides hat seine Vorteile, und es gibt kein „falsch“ in dieser Hinsicht. Wir müssen nur wissen, auf was wir uns einlassen, wenn wir uns für die eine oder die andere Variante entscheiden. Hoch-Zeiten und Tiefs können wir erfahren, oder Stabilität und Ruhe.

(Zum Glück ist es ja nicht so, dass es eine Entweder-Oder Entscheidung ist, dazwischen gibt es viele Abstufungen – suchen Sie sich eine Dosierung aus, die Ihnen gefällt!)

Wer sich einer Sache oder einer Person hingibt, wird Intensität erleben, die ihn/sie vielleicht sogar erschreckt, das kommt mit der Hingabe. Wer es lieber ruhig hat, sollte sich das mit der Hingabe besser gut überlegen…!

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht erringen, aber versuchen will ich ihn.

Das ist der Beginn eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke. Er hat sich anscheinend dafür entschieden, sein Leben mit Hingabe zu leben: in wachsenden Ringen. Ich persönlich mache das auch so, denn ich finde:

Mein Leben ist zu kurz für Kompromisse!

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